Offenbach und die Welt

Welthandel im Wandel

Der Handel über Grenzen hinaus war und ist in der Region ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Foto li.: Haus der Stadtgeschichte Offenbach / re.: Jakub Rutkiewicz – stock.adobe.comv

Als die IHK 1821 gegründet wurde, war Offenbach die größte Industriestadt des Großherzogtums Hessen-Darmstadt mit vielfältigem Gewerbe. Der erste Kammerpräsident produzierte Tabakwaren, der Vizepräsident Wachstücher. Es gab Lederwaren-, Kerzen- und Wagenfabriken und Händler für verschiedenste Produkte.

Das Ausland war sehr nah

Wer produziert und Handel treibt, bewegt Waren, was allerdings in der damals vorherrschenden Kleinstaaterei eine echte Herausforderung war. Jeder Kleinstaat hatte eigene Grenzen. So waren die Zölle beziehungsweise der Abbau der Zollschranken das beherrschende Thema in den Anfangsjahren der Kammer. Denn viele Fabrikanten beklagten Einfuhrzölle und Zollhindernisse aus dem Ausland. Und „Ausland“ war damals ganz anders definiert als heute. Dazu gehörte Hanau genauso wie das Königreich Bayern und sogar Frankfurt, das als freie Reichsstadt jede Menge Zölle und Gebühren für den Handel von und nach Offenbach verlangte. Das änderte sich 1836, als nach zähen Verhandlungen der Deutsche Zollverein entstand und auch zwischen den Nachbarstädten am Main die Zollschranken fielen.

Heute ex- und importieren die Unternehmen in der Region in beziehungsweise aus aller Herren Länder. Die Exportquote liegt bei fast 50 Prozent.

Früh tastete sich die Region in die Welt. Bereits 1843 fragte das Ministerium in Darmstadt an, ob die Offenbacher Wirtschaft Wünsche zum Handel nach China habe. Gute zehn Jahre später beriet die Stadt für das Ministerium, ob die „Bestellung eines hessischen Handelskonsuls im Orient nützlich“ sein könnte.
1851 erschienen Offenbacher Aussteller auf der ersten Weltausstellung in London und fehlten auch bei den künftigen Weltausstellungen in Paris, Wien, Chicago oder New York nicht.

Fotos: Delta Pronatura Dr. Krauss & Dr. Beckmann KG

Vor- und Nachteile des Welthandels

Offenbach war ein klassischer Standort für die Lederwarenindustrie und so waren Vertreter der Branche unter seinen ersten international aktiven Firmen. Die 1889 vom Sattler Karl Seeger in Offenbach gegründete Lederwarenmanufaktur genoss schon in den ersten Jahren ihres Bestehens internationales Ansehen. Ihre Produkte gewannen auf den Weltausstellungen von 1937 in Paris und 1958 in Brüssel sogar Goldmedaillen. Heute gibt es noch den Markennamen mit einem Unternehmenssitz in Hongkong. Denn ab den 1970er-Jahren schwemmte Billigware aus Südamerika und Fernost den Markt. Der Lederwarenstandort Offenbach bekam die Kehrseite des globalen Handels zu spüren. Viele Firmen mussten schließen oder sich neu ausrichten.

Auch Vertreter anderer Branchen gehen aus der Region in die Welt. Delta Pronatura Dr. Krauss & Dr. Beckmann KG zog nach dem Krieg von Berlin zunächst in einen stillgelegten Bunker in Offenbach und wuchs stetig. In den 1970er-Jahren erschloss das Unternehmen erste europäische Märkte und übernahm den Deutschlandvertrieb der US-amerikanischen Lippenpflegemarke Blistex. Als 1982 Phosphate in Waschmitteln verboten werden, schlägt die Stunde für „Dr. Beckmann Fleckensalz“. Es entfernt Schmutz auf Sauerstoffbasis. Das europäische Interesse am Fleckenteufel und Dr. Beckmann ist groß. Finnland wird zum ersten nicht deutschsprachigen Exportland. Auslandsaktivitäten in Italien und den Niederlanden folgen. Inzwischen ist das Unternehmen in Egelsbach angesiedelt, hat ein weltweites Vertriebsnetz und Niederlassungen in über 80 Ländern. Es setzt weiter auf Expansion in Asien und Lateinamerika.

Betriebe orientieren sich neu

Aktuell veranlassen Herausforderungen wie der Brexit, unterbrochene Lieferketten, Rohstoffknappheit, steigende Preise, Digitalisierung, schärfere Vorgaben und Gesetze für Klimaschutz und Menschenrechte viele Betriebe, sich neu zu organisieren. Laut der DIHK-Umfrage „Going International“ vom Frühjahr 2021 suchen 47 Prozent der international aktiven Unternehmen mit Logistikproblemen neue oder zusätzliche Lieferanten. 41 Prozent erhöhen ihre Lagerhaltung, und mehr als jedes fünfte verteilt seine Vorleister auf mehrere Länder. Die Irritationen im Welthandel dämpfen die Erwartungen.

Dennoch blicken die Unternehmen in der Region Offenbach zuversichtlich in die Zukunft. Sie haben längst bewiesen, dass sie so schnell nicht kleinzukriegen sind.

Autorin

Silvia Schubert-Kester
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