Rechtzeitig mit der Suche nach einem Übernehmer beginnen

Unternehmensnachfolge braucht einen klaren Fahrplan

In den nächsten zehn Jahren droht rund 800.000 Unternehmen in Deutschland das Aus, wenn deren Inhaber nicht rechtzeitig Nachfolger finden. Das zeigen IHK-Untersuchungen. Für den Mittelstand ist das Thema eine existenzielle Herausforderung. Dr. Marc Evers, Experte für Unternehmensnachfolge beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), erklärt im Interview, wie sie gemeistert werden kann.

Externe Nachfolger haben meist einen nüchternen Blick auf das Unternehmen und seine Ertragschancen. Inhaber betrachten ihr Lebenswerk wesentlich emotionaler. Foto: contrastwerkstatt – stock.adobe.com

Herr Dr. Evers, immer mehr Unternehmen berichten ihrer IHK von Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Nachfolger. Wie sieht es deutschlandweit aus?

Im Jahr 2016 haben 2.947 Alt-Inhaber ihre IHK aufgesucht, weil sie keinen passenden Nachfolger finden konnten. Das ist ein neuer Höchststand.

Was steckt dahinter?

Zum einen die demographische Entwicklung. Immer mehr Unternehmer erreichen das Ruhestandsalter. Gleichzeitig schrumpfen die klassischen Gründer-Jahrgänge der 25- bis 45-Jährigen. Aber wahr ist auch, dass die Neigung zum Unternehmertum in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern noch immer gering ist.

Dr. Marc Evers ist DIHK-Experte für das Thema Unternehmensnachfolge. Foto: DIHK/Jens Schicke

Laut DIHK-Report Unternehmensnachfolge beginnen 42 Prozent der Unternehmer zu spät mit der Organisation ihrer Nachfolge. Wann sollte man damit beginnen?

Zehn Jahre vorher. Wer mit 65 das Unternehmen in neue Hände geben will, der sollte schon mit Mitte 50 quasi durchs Fernrohr schauen und die Zukunft in den Blick nehmen. Ist mein Unternehmen fit für die Digitalisierung? Trägt mein Geschäftsmodell? Wo muss ich modernisieren? Spätestens drei Jahre vorher sollte man die Suche nach einem Übernehmer beginnen.

Die Zahl der Alt-Unternehmer steigt. Gleichzeitig gibt jeder zweite potenzielle Nachfolger an, kein passendes Unternehmen zu finden. Wie passt das zusammen?

Nicht jedes Unternehmen ist profitabel aufgestellt. Bisweilen wurden wichtige Investitionen etwa zur Digitalisierung aufgeschoben. In der Industrie sind oft relativ hohe Kaufpreise zu stemmen. In Handel und Gastronomie ist der Wettbewerbsdruck hoch und der Strukturwandel etwa durch Online-Angebote in vollem Gange. Und am Ende kommt es auch auf die Chemie zwischen Senior und Nachfolger an, schon aus diesem Grund sind oft mehrere Versuche notwendig.

Stichwort Nachfolge in der Familie: Worauf sollte man besonders achten?

Die Nachkommen sollten Freude am Unternehmertum haben und die Branche kennen. Und als Senior muss man neben der Elternbrille nun auch die Unternehmerbrille aufsetzen. Die Kinder sind jetzt Verhandlungspartner. Bei größeren Familienunternehmen hat es sich bewährt, Streitigkeiten durch eine Familienverfassung aufzufangen, denn nur allzu oft überlappen sich gerade beim Thema Nachfolge sachliche und emotionale Aspekte.

In jedem Falle ist es wichtig, die neue Chefin oder den neuen Chef frühzeitig aufzubauen. Dazu gehört Einsicht in Führungsabläufe, die Vorstellung bei Kunden und Geschäftspartnern und die Vorbereitung der Belegschaft auf den Rollenwechsel. Verantwortlichkeiten müssen klar geregelt sein, denn Kompetenzgerangel kann dem Betrieb schaden. Das gilt im Übrigen auch bei der Übertragung an Mitarbeiter. Eine gelungene Nachfolge braucht einen klaren Fahrplan zum Ausstieg des Seniors und zum Einstieg des Neuen.

Etwa ein Viertel der Nachfolger sehen Probleme wegen der Erbschaftsteuer bei der Betriebsübergabe, ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Wie können sich Unternehmen wappnen?

In der Tat wird es durch die Reform für viele Unternehmen unter dem Strich Mehrbelastungen geben. Da es noch keine Erbschaft- und Schenkungssteuerrichtlinie gibt, welche die Reform in konkrete Verwaltungsregelungen umsetzt, kann faktisch zum Teil noch keine individuelle Belastung ausgerechnet werden.

Wichtig ist, sich bereits im Vorfeld steuerlich beraten zu lassen und Zahlen und Fakten so weit wie möglich aufzubereiten. Für Politik und Finanzverwaltung lautet das Gebot der Stunde: Die Erbschaftsteuer nicht erhöhen und die gerade reformierte Erbschaftsteuer mittelstandsfreundlich umsetzen.

Und was sind die Herausforderungen bei einer Übertragung an externe Käufer?

Gerade externe Nachfolger haben zumeist einen nüchternen Blick auf das Unternehmen und seine Ertragschancen, während viele Inhaber doch wesentlich emotionaler auf ihr Lebenswerk blicken. Doch Herzblut-Rendite wird am Markt nicht honoriert. Wichtig ist eine realistische Unternehmensbewertung. Der Übernehmer muss sich zudem bei der Belegschaft einen guten Stand verschaffen – und manchmal eben auch das Schiff auf neuen Kurs bringen und die Mannschaft mitnehmen. Das erfordert hohe unternehmerische Kompetenz.

Oft finden Interessenten und Senior-Unternehmer nicht zueinander. Kann man sich von Dritten helfen lassen?

Expertise etwa von Unternehmensberatern oder Steuerberatern ist wichtig, denn die Unternehmensnachfolge ist eine komplexe und auch emotionale Herausforderung. Und es gibt Hilfe von neutraler Stelle: Die IHKs bieten ohne gewerbliches Interesse neben Information und Beratung auch eine Moderation von Gesprächen zur Unternehmensnachfolge an. Es lohnt sich also der Anruf bei der IHK vor Ort.

Quelle: Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK)

Unternehmensnachfolge und -übergabe

Die IHK Offenbach am Main bietet ausführliche Beratungen zu den Themen Unternehmensnachfolge und -übergabe an.

www.ihkof.de/nachfolge

Kontakt:

Holger Winkler
Telefon (069) 8207-226
winkler@offenbach.ihk.de