Innovationscampus Offenbach

Revitalisierung eines Schlüsselstandortes

Nach dem einstigen Industriehafen füllt die Stadt Offenbach die zweite große Industriebrache, das ehemalige Clariant-Gelände, mit neuem Leben. Entsprechend dem Offenbacher Masterplan soll unter der Federführung der Stadtwerke Offenbach mit dem Titel Innovationscampus ein zukunftsweisender Gewerbestandort mit integriertem Designpark entstehen.

Foto links: Stadtarchiv Offenbach / Foto rechts: Alex Habermehl

Es war ein historischer Moment im Juli dieses Jahres. Mit der Schlüsselübergabe durch die Firma Clariant an die Stadt endete nach 178 Jahren an dem einstigen Chemiestandort unwiderruflich ein Teil der Industriegeschichte, die Offenbach bis in die 1990er Jahre stark geprägt hatte. Gleichzeitig stellte dieser symbolische Akt einen Neuanfang dar: einen grundlegenden Wechsel in der Bestimmung des Areals vom klassischen Chemie- zum innovativen Technologiestandort verschiedenster Branchen, der zur Schnittstelle von Forschung, Entwicklung und Wirtschaft, innovativen Gründern und zukunftsorientierten Nutzern werden soll.

Der sukzessive Rückzug der chemischen Industrie aus Offenbach bedeutete wie zuvor schon der Verlust tausender Arbeitsplätze in der Lederwarenindustrie, im Maschinenbau und in der Stahlverarbeitung eine tiefe Zäsur in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Offenbachs. Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke hat daraus die  Lehre gezogen: „Offenbachs Wirtschaft muss breiter und vielfältiger aufgestellt und dadurch robuster werden, um gegen Krisen einzelner Branchen besser gewappnet zu sein.“ Den Erwerb des Clariant-Geländes sieht der Wirtschaftsdezernent deshalb als „einmalige Chance für die Diversifizierung des Wirtschaftsstandortes Offenbach“.

Die zentral in der Metropolregion gelegene Industriebrache ist mit 36 Hektar die größte zusammenhängende innerstädtische Entwicklungsfläche der Region für eine gewerbliche Nutzung. OB Schwenke: “ Die Revitalisierung dieses Schlüsselstandortes ist für die Stadt Offenbach von zentraler wirtschaftlicher Bedeutung.“ Offenbach vertraut dabei einmal mehr der Stadtwerke-Gruppe und den Expertinnen und Experten aus deren Immobilienunternehmen, allen voran der OPG Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft, die mit der Schwestergesellschaft Mainviertel Offenbach schon den Hafen erfolgreich zum lebendigen Stadtviertel revitalisiert hat.

Ähnlich wie seinerzeit mit der Mainviertel-Gesellschaft für den Hafen, haben die Stadtwerke nun auch für das ehemalige Clariant-Gelände eine Projektgesellschaft gegründet. Die INNO Innovationscampus GmbH & Co. KG unter der Leitung von Daniela Matha und Peter Walther hat das Grundstück erworben, wird es von Altlasten befreien, entwickeln, parzellieren und vermarkten.

Bei der anspruchsvollen Aufgabe, die Industriebrache zu einem zukunftsweisenden Gewerbestandort mit überregionaler Strahlkraft zu entwickeln, hat die INNO die OPG mit den operativen Dienstleistungsaufgaben beauftragt. INNO und OPG werden eng mit der Wirtschaftsförderung und der Stadtplanung zusammenarbeiten.

Die Wirtschaftsförderung, die IHK Offenbach am Main, die Landesgesellschaft Hessen Trade und Invest sowie die Hochschule für Gestaltung (HfG) bringen in diesen Prozess bereits erste Ideen für einen wichtigen Baustein des Campus ein: einen Designpark, in dem sich Unternehmen unterschiedlicher Technologiebereiche inhaltlich vernetzen und gemeinsam mit Forschungsabteilungen und wissenschaftlichen Institutionen neue Produkte entwickeln sowie innovative Geschäftsfelder erschließen.

Darüber hinaus hat OB Schwenke für den Innovationscampus die Erarbeitung eines Entwicklungs- und Vermarktungskonzeptes beauftragt. Im Auftrag des Stadtplanungsamtes soll eine Machbarkeitsstudie die Möglichkeiten der verkehrlichen Erschließung klären. Die OPG entwickelt in Abstimmung mit dem Regierungspräsidium ein Altlastensanierungskonzept.

„Allein die Vorbereitung für die Entwicklung des Standortes wird drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen“, schätzt Daniela Matha. Insgesamt, so die Geschäftsführerin der INNO und OPG, sei von einem Entwicklungshorizont von zehn bis 15 Jahren auszugehen.

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Historie des Chemiestandortes

Die Anfänge chemischer Produktion auf dem Clariant-Gelände gehen auf das Jahr 1842 zurück. Damals gründete Dr. Ernst Sell, Schüler und Freund von Justus von Liebig, Deutschland erste Teerdestillationsfabrik, um in Offenbach unter anderem Desinfektionsmittel herzustellen. Die Oehler-Werke bauten diese Technik aus und stellten ab 1851 erste synthetische Farben her, darunter 1862 die berühmten Blau-Farbstoffe aus Anilin. Es folgten Griesheim Elektron, der Zusammenschluss 1925 zur IG Farben, die Naphtol-Chemie und 1953 schließlich die Farbwerke Hoechst, die den Standort für ihre Trevira-Produktion ausbauten.

Nach der „Zerschlagung“ der Hoechst AG übernahm Clariant 1997 das Areal. 2001verpachteten die Schweizer die Produktionsstätte an die Allessa Chemie, die hier einen Industriepark betrieb, sich dann jedoch auf ihren Standort Frankfurt-Fechenheim konzentrierte. Mit Invista wurde 2009 die letzte chemische Produktionsstätte des Industrieparks geschlossen. Bis auf das Holzpellets-Werk des Energieversorgers EVO und einen Catering-Betrieb liegt das Areal seither brach.

Autor

Jörg Muthorst
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