Birgit Arens-Dürr hat ins

Vitus Prostata Center

reingeschaut

Birgit Arens-Duerr

Am Kaiserlei eröffnet in diesen Tagen eine Privat-Klinik. Professor Dr. Stehling und sein Team betreuen dort Patienten, die er zuvor per Irreversibler Elektroporation (IRE) an Prostatakrebs behandelt hat.

Wer sich zum Thema Krebs und einschlägigen Therapien informieren will, findet auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums die Empfehlung für den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums. Das Online-Portal nennt und beschreibt die IRE als Methode, die bei Prostatakrebs zum Einsatz kommt, schränkt aber ein, sie sei noch wenig erforscht und erfolgreich angewendet worden.

Stehling hält dagegen: „Wir haben inzwischen 1.100 Patienten oder mehr in Offenbach behandelt und sind damit weltweit führend. Die Rezidivraten (Häufigkeit des Wiederauftretens) sind mit denen einer Operation (Prostatektomie) vergleichbar. Die Nebenwirkungen sind aber deutlich geringer.“ Er erklärt: „Bei der OP wird das neurovaskuläre Bündel zerstört, das für die Erektionsfähigkeit und die Steuerung des Blasenschließmuskels wichtig ist.“ Die Patienten seien anschließend zu 70 bis 80 Prozent impotent und zu 20 bis 50 Prozent inkontinent. Dies lasse sich mit der IRE vermeiden. „Wir verzeichnen null Prozent Inkontinenz und eine sehr niedrige Impotenzrate von knapp unter zehn Prozent“, berichtet er.

Der Mediziner setzt die IRE nicht nur seit einem Jahrzehnt ein, sondern entwickelt sie auch weiter und erwartet die CE-Zertifizierung für seine Nachfolgetechnologie im kommenden Jahr. Er beschreibt, wie die IRE funktioniert: „Sehr dünne Elektroden werden bei Vollnarkose über den Beckenboden in die Prostata eingeführt. Wir müssen nicht schneiden. Ein im Mastdarm eingeführter Ultraschallstab bildet die Prostata von hinten ab. So können die Elektroden unter Sichtkontrolle auf einen Millimeter oder zwei genau platziert werden. Wir arbeiten sehr präzise und haben vielleicht auch deswegen gute Resultate. Wenn die Elektroden an der richtigen Stelle sind, werden ganz kurz, nur 100 Mikrosekunden lang, sehr starke elektrische Impulse von bis zu 1.500 Volt pro Zentimeter appliziert. Durch die wiederholte Anwendung entstehen Löcher in der Zellhülle. Alle Zellen, die in einem begrenzten elektrischen Feld liegen, werden zerstört. Was nicht kaputt geht, ist die Gewebeinfrastruktur.“ Dies sei ein entscheidender Vorteil. „Die Fasern, Gefäße und Nerven bleiben erhalten. Kurz nach der Behandlung können wieder Zellen einwandern.“

Die IRE sei wenig belastend, selbst bei fortgeschrittener Erkrankung. „Wir behandeln, was woanders nicht mehr behandelt werden kann, zum Beispiel Fälle, in denen die Blase oder der Mastdarm infiltriert sind“, sagt Stehling und berichtet, dass ein Drittel seiner Patienten aus dem Ausland, selbst aus Australien kommt. Meist sei der Patient am Tag nach dem Eingriff wieder fit und habe keine
Schmerzen.

Stehling wurde auf die Therapie aufmerksam, als er eine Professur an der Boston University innehatte. Ein Kurs der Firma Angiodynamics, die das sogenannte Nanoknife für die IRE herstellt, habe ihn überzeugt. 2010 erwarb er eins davon für die Boston University und eins für Offenbach, wo er in der Strahlenberger Straße seit 18 Jahren ein radiologisches Zentrum betreibt und medizinisch-wissenschaftliche Projekte vorantreibt.

Dort stehen nun in der neu angeschlossenen Klinik auf einer Fläche von 550 Quadratmetern acht Betten bereit. Patienten können nach der IRE-Behandlung beobachtet und versorgt werden. Während er mit dem deutschen Gesundheits-system hadert, dessen bürokratische Hürden und Eigenheiten er offen kritisiert, lobt er die Stadt Offenbach für die bereitwillige Zulassung der Klinik. Er versichert: „Wir wollen, dass es den Patienten gut geht. Sie werden sich wohlfühlen und medizinisch gut betreut werden.

www.vitusprostate.com

Professor Michael K. Stehling (linker Bildausschnitt) hat das Vitus Prostata Center 2010 in Offenbach am Main gegründet. Heute stellt er fest: „Unser Team ist weltweit führend in der IRE bei Prostatakrebs.“ Foto: Vitus Prostata Center