Birgit Arens-Dürr hat bei

Reissner Lammfelle

reingeschaut

Birgit Arens-Duerr

Herbert Reissner sieht auf sechs bewegte Jahrzehnte als Unternehmer zurück. Schwierige Phasen hat er beherzt und mit Humor gemeistert.

Am 1. Juli 1960 eröffnete der Geschäftsmann eine freie Tankstelle an der Waldstraße in Offenbach. „Der Liter Benzin kostete 56 Pfennige, heute wären das 28 Cent. Damals gab es viel mehr Service. Wenn ein Kunde kam, ging ich zum Auto, machte die Tür auf und sagte: ‚Guten Tag der Herr, was möchten Sie bitte? Darf ich volltanken?‘ Oft lautete die Antwort: ‚Nein, für zehn Mark‘“, erinnert er sich.

Als er auch Autoreparaturen anbot, zeigte sein Nachbar ihn an. Reissner legalisierte die Tätigkeiten, indem er ohne Lehrzeit die Gesellen- und die Meisterprüfung als Kraftfahrzeugmechaniker ablegte. Zeitweise unterhielt er eine weitere Tankstelle am Odenwaldring. Bis 1974 schöpfte er diverse Verdienstmöglichkeiten aus: „Autos lackieren, Karosseriebau, Zubehörhandel, Begutachtung von Unfallschäden, Beteiligung an anderen Firmen – ich war halt strebsam“, sagt er. Und eigentlich wollte er von der Tankstelle fort, um nicht länger schwarze Fingernägel zu haben und giftige Dämpfe einzuatmen.

Von Heusenstamm nach Kalifornien

Die Begegnung mit einem „bankrotten Fellhändler“ im Jahr 1993 brachte die Wende. „Wir haben in Jugoslawien ausschließlich australische Merinolammfelle gerben, färben und zurichten lassen. Diese Felle sind das Beste für Autositze. In Jugoslawien haben zeitweise 16 Gerbereien für uns gearbeitet. Das Geschäft lief bombastisch, vor allem der Export in die USA. 1986 klettert der Umsatz auf 16 Millionen D-Mark. In den USA hatte er kuriose Begegnungen, zum Beispiel mit Mister Marty Ballan, der ihn wegen einer Reklamation nach New York bestellte, aber gar nicht da war. „Ich musste ihm 2.000 Kilometer nach Florida hinterherreisen“, erzählt der heute 83-Jährige. In einer Villa am Strand mit goldenen Bad-Armaturen bekam er doch einen Scheck über 88.000 Dollar, weil Ballan die reklamierte Ware zwischenzeitlich verkauft hatte. Ein anderer amerikanischer Geschäftspartner ging pleite und übertrug Reissner sieben Fell-Boutiquen in der Bucht von San Francisco. Als der Dollar an Wert verlor, gab der Offenbacher das USA-Geschäft auf und saß auf einem Berg von Ware. Die nass gesalzenen Rohschaffelle erhitzten sich im Lager und faulten durch. „Es war herrlich“, lacht er heute darüber.

Das Geschäft mit Autofellen ging drastisch zurück, weil mehr Fahrzeuge geleast wurden. „Für ein fremdes Auto haben die Leute keine Lammfelle mehr gekauft“, erklärt der Jubilar. Dann wurden Tierfelle generell unpopulär. 1991 begann der Jugoslawienkrieg. „Wir wichen nach Ungarn aus. Aber unsere unerfahrenen Partner konnten nicht richtig gerben. 1993 hatten wir nur noch acht Prozent des früheren Umsatzes“, berichtet er. Seit 1996 importiert Reissner fertige Lammfell-Produkte aus China.

2003 entstand die Firma Engel Reitsport mit einer eigenen Produktlinie. Reissner ließ
seine Sattelkissen patentieren. Reitsport-
artikel hat er genauso im Angebot wie Stiefel,
16 verschiedene Hausschuhmodelle, Babyfelle, Schals oder Betteinlagen – alle aus dem Naturmaterial Lammfell hergestellt und im Unternehmen entwickelt.

Ganz oben bei Amazon

Vor 15 Jahren begann er mit eigenen Websites und Online-Shops. „Das Geschäft über Amazon, Ebay und andere Plattformen läuft jedes Jahr besser – durchschnittliche Steigerung 15 Prozent. Wir sind mit manchen Produkten die Nummer eins bei Amazon. Und beim Online-Handel musst du ja gegen die ganze Welt ankämpfen!“, freut er sich. Er hat acht Angestellte für das Internet-Geschäft. Sein Sohn fertigt mit zwei Mitarbeitern maßgeschneiderte Sitzbezüge.

„Klein bleiben“ sei immer Teil seines Erfolgsrezepts gewesen. „Auf den Messen haben sich die ‚Großen‘ über mich lustig gemacht. Die meisten gibt es heute nicht mehr“, sagt er.

www.reissner-lammfelle.de

www.engel-reitsport.de

Herbert Reissner (l.) und sein Sohn Richard begutachten Lammfelle, aus denen Autositzbezüge gearbeitet werden sollen.