Birgit Arens-Dürr hat bei der

„natürlichfrei“

reingeschaut

Birgit Arens-Duerr

In Unverpackt-Läden gibt es die meisten Waren lose, damit Verpackungsmüll und Lebensmittelverschwendung vermieden werden. Einen der größten in Deutschland gibt es in Mühlheim.

„Ich gebe euch zwei Monate“, bekamen Nina und Andres Bornemann zu hören, als sie 2019 ihr Geschäft „natürlichfrei“ in der Bahnhofstraße eröffneten. Sie blieben zuversichtlich, denn sie stolperten schließlich nicht blind in das Projekt. „Wir haben Marktforschung betrieben und uns von der IHK Kennzahlen zu Mühlheim nennen lassen“, sagt Andres Bornemann, der noch bis zum 31. März 2020 im Großkundenvertrieb arbeitet. Sie stellten fest: Die durchaus gute Kaufkraft in der Stadt wandert zum großen Teil ab. Die Bahnhofstraße hat in der Vergangenheit als Haupteinkaufsstraße an Bedeutung eingebüßt, wird aber seit einigen Jahren dank des Wochenmarkts und einiger interessanter Läden wieder aufgewertet.

Andres und Nina Bornemann haben ihr Projekt Unverpackt-Laden sorgfältig vorbereitet. Foto: Arens-Dürr/IHK

Idealer Standort

Die Gründer entwickelten ein Konzept, das auf den drei Säulen „biologisch, regional, nachhaltig“ basiert und schrieben einen Businessplan. Ihre Bank, die Sparkasse Langen-Seligenstadt, gab bereitwillig grünes Licht für die Finanzierung.

„Wir wollen uns das mal ansehen. Wir waren noch nie in einem Unverpackt-Laden“, sagt der Kunde, dessen Tochter im Kindergartenalter auf die Gläser mit Süßigkeiten zusteuert. „Willst du mal probieren?“, fragt die Angestellte Ilene Mazura. Außer ihr unterstützen sechs Minijobber das Ehepaar. Klar darf gekostet werden. Die meisten Kunden bringen selbst Behälter mit, wiegen sie zuerst und befüllen sie dann. Papiertüten und gereinigte Einweggläser stehen für Spontankäufer bereit. An der Kasse wird der Preis nach Abzug des Eingangsgewichts (Tara) ermittelt. Seit einem Jahr hilft „natürlichfrei“ Mühlheims Zentrum zu beleben und die Nahversorgung zu ergänzen. „Wir hätten es nicht besser treffen können“, ist Nina Bornemann überzeugt. Sie leitet das Geschäft, zu dem eine kleine Café-Ecke gehört, in der unterschiedlichste Gäste zusammentreffen.

Auf 120 Quadratmetern Verkaufsfläche gibt es ein Vollsortiment mit rund 800 Artikeln: trockene Lebensmittel wie Reis, Nudeln, Hülsenfrüchte, Nüsse, Saaten, Trockenfrüchte und Mehle. Dazu fast 70 Gewürze, Tees, Kaffee, Backzutaten und Süßigkeiten. Auch Öle, Essige, Milchprodukte, Backwaren, einige Glaskonserven sowie Hygiene-, Pflege- und Reinigungsmittel sind im Angebot.

„Klar war, dass meine Frau mindestens so viel verdienen sollte wie in ihrem Beruf als Arzthelferin“, erklärt Andres Bornemann. Sie zeigt sich zufrieden und sagt: „Es kommen Kunden von jung bis alt, vom ‚Öko‘ bis zum ‚Normalo‘. Mal füllt eine Oma ihr schönes Gefäß mit 200 Gramm Salz auf. Dann erledigen Familien ihren kompletten Wocheneinkauf.“ Wegen der Qualitätsvorgaben mögen die Preise über denen im konventionellen Einzelhandel liegen. „Die Leute merken aber schnell: Es ist günstig, wenn ich nur die Menge kaufe, die ich wirklich brauche“, hat sie beobachtet. Ihr Mann ergänzt: „Wir passen die Preise an, wenn sich im Einkauf etwas ändert.“ Mit Sonderangeboten locken sie nicht, versichert er. Statt Werbung bevorzugen sie Mundpropaganda und Social-Media-Präsenz.

Es geht nicht immer ohne

Gleich am Eingang überraschen Milchersatzgetränke in Kartons. Tetrapack im Unverpackt-Laden? „Wir haben lange gesucht. In Glas abgefüllt gibt es die Produkte kaum. Dieser Hersteller achtet sehr auf Nachhaltigkeit. Der Deckel ist aus Zuckerrohr, der Karton aus Weizenstroh, die Alufolie so dünn wie möglich. Fast alles ist recycelbar“, berichtet Andres Bornemann. „Immer auf Verpackungen zu verzichten, wäre schön. Aber manchmal gibt es gute Gründe dafür“, räumt er ein. Ob alles sein muss, was die Lebensmittelhygiene- und Verpackungsverordnung vorgibt, stellt er allerdings infrage. Verpackungen könnten eingespart, andere Materialien verwendet werden. „Das Know-how der Hersteller ist immens wichtig“, sagt er. Im hessischen Ministerium für Natur- und Umweltschutz nimmt er an gemeinsamen Gesprächen zum Thema teil.

Mitte März öffnet eine „natürlichfrei“-Filiale in Rodgau-Nieder-Roden. Dann laden die Bornemanns auch am Puiseauxplatz zum nachhaltigen Konsum ein.

www.natuerlichfrei.kaufen