Nicht allein die Arbeitswelt muss sich ändern

Unternehmen mussten in den letzten Monaten einen Wandel vollziehen, der für ihre Beschäftigten zu höherer Autonomie geführt hat. Das ist zu begrüßen und die ersten Schritte in eine neue Arbeits- und Führungskultur wurden damit vollzogen.

Während die Arbeitgeber in rasant kurzer Zeit und mit großer Flexibilität Homeoffice-Plätze geschaffen haben, mussten viele ihrer Beschäftigten neben der Berufstätigkeit zusätzlich die Betreuung und Bildung der Kita- und Schulkinder über Monate abdecken.

Auch wenn Studien behaupten, dass die Mehrzahl der Berufstätigen ihr Job- und Privatleben gut vereinbaren konnte, frage ich mich, wie die ehrliche Bilanz bei Familien mit Klein- und Schulkindern ausgefallen ist. Eines ist klar: Covid-19 kam vielleicht überraschend. Aber es ist Fakt, dass langjährige Missstände ungeschönt zum Vorschein traten.

Das Betreuungs- und Bildungssystem wurde abrupt auf den Kopf gestellt. Die digitale Ausstattung in Schulen ist mehr als traurig und die Ganztagsbetreuung zeigte in diesen Zeiten ihre Defizite. Wie schön wäre es gewesen, wenn Schulkinder mit der notwendigen Infrastruktur von zu Hause beschult worden wären und so zumindest teilweise Präsenzunterricht in Kleingruppen hätte stattfinden können. Auch Nachmittagsaktivitäten hätten in kleinen Gruppen koordiniert werden können. Tatsächlich mussten die Verantwortlichen sehr schnell handeln und provisorische Lösungen finden. Wie gut in den letzten Monaten beschult und betreut wurde, hing oft vom Zufall des Engagements der verantwortlichen Lehrkräfte,  Betreuungspersonen und Sozialträger ab. Nun gilt es, diese Missstände mit Kommunen, Schulen und allen Verantwortlichen zu beheben, uns für die zweite Welle zu wappnen und unsere Kinder – etwas verspätet – im 21. Jahrhundert willkommen zu heißen.

Zur Sicherung unseres Wirtschafts- und Industriestandortes müssen wir uns darauf verlassen können, dass der Betreuungs- und Bildungsauftrag in den nächsten Monaten weitestgehend nicht auf die berufstätigen Eltern abgewälzt wird, deren Arbeitskraft und Engagement dringend in den Unternehmen benötigt wird.

Ihre Violetta Reimelt

Violetta Reimelt
Vizepräsidentin der IHK Offenbach am Main und
Geschäftsführerin der Viva Familienservice GmbH in Rödermark