Unternehmensnachfolge angehen

Mit heißem Herzen, aber auch mit kühlem Kopf

Eine Unternehmensnachfolge ist ein epochales Ereignis. Es geht um den Abschied vom eigenen Lebenswerk.

Der Autor Dr. Marc Evers ist Leiter des Referats Mittelstand, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge im Bereich Wirtschafts- und Finanzpolitik, Mittelstand, des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) in Berlin. Foto: DIHK / Paul Aidan Perry

Kinder werden zu Verhandlungspartnern auf Augenhöhe. Wollen oder können sie das Unternehmen nicht weiterführen, steht die Suche im Kreis der Mitarbeiter, der Geschäftspartner oder außerhalb der Unternehmenssphäre an. Das heißt nur allzu oft, über den eigenen Schatten zu springen. Immer mehr Chefinnen und Chefs müssen sich dieser Herausforderung stellen.

Nachfolge gewinnt an Brisanz

Demografie und Fachkräftemangel machen auch vor den Unternehmern selbst nicht halt. Ein Schlaglicht auf die Situation wirft eine aktuelle Veröffentlichung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), der DIHK-Report Unternehmensnachfolge. Danach suchten 6.911 Alt-Inhaber zuletzt den Rat ihrer IHK – so viele wie nie zuvor. Mit 48 Prozent hatte fast jeder zweite noch keinen Nachfolger gefunden – auch dies ist ein Rekord. Besonders betroffen sind Händler, Hotel- und Gaststätten-Betreiber.

Damit der Übergang gelingt

In jedem Fall gilt es, Souveränität zu bewahren und Mitarbeiter rechtzeitig, systematisch und mit Fingerspitzengefühl in den Nachfolgeprozess einzubeziehen, damit das Unternehmen auch in der sensiblen Übergangsphase wettbewerbsfähig bleibt. Der DIHK-Report Unternehmensnachfolge gibt Hinweise, worauf Unternehmenslenker vor allem achten sollten:

  • Senior-Unternehmer sollten sich rechtzeitig mit dem Gedanken vertraut machen, dass schon bald neue Köpfe das Unternehmen steuern werden. Dazu gehört auch der Entwurf alternativer Lebensmodelle – ohne Unternehmen. Doch 38 Prozent können emotional nur schwer vom Lebenswerk lassen.
  • Der nüchterne Blick auf das eigene Lebenswerk ist gefragt. Viele Senior-Unternehmer haben auch bei der Kaufpreisermittlung einen starken Fokus auf die über Jahre oder Jahrzehnte geleisteten Mühen. Die Folge: 43 Prozent rufen zunächst einen überhöhten Preis auf. Hier ist der Perspektivwechsel wichtig: Potenzielle Übernehmer bewerten das Unternehmen ganz nüchtern anhand seiner Marktchancen.
  • Die Herausforderung der Unternehmensnachfolge muss unverzüglich angegangen werden, auch wenn die Materie emotional herausfordernd und steuerlich wie rechtlich kompliziert ist. Viele – 43 Prozent – sind zum Zeitpunkt der IHK-Beratung nicht genügend vorbereitet.
  • Senior-Unternehmer sollten keine riskante Wette eingehen. 31 Prozent warten mit der Unternehmensübertragung, weil sie sich bessere Angebote für ihr Unternehmen erhoffen. Häufig unterbleiben dann jedoch notwendige Investitionen in Modernisierung und Digitalisierung, das Unternehmen verliert schleichend an Wert. Zudem können wachsende Konflikte mit Finanzierungs- und Geschäftspartnern die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens schmälern.
Mehr Hilfe, weniger Bürokratie

Das intensive Engagement der IHKs zeigt durchaus Erfolg. Im Schnitt der letzten Jahre steigen die Teilnehmerzahlen bei IHK-Beratungen, Seminaren und Nachfolgetagen. Auch Wirtschaftsförderer und Politik sind aufgerufen, die Unternehmensnachfolge zu unterstützen. Die Bundesregierung will mit einem neuen Programm die vielfältigen Vor-Ort-Initiativen unterstützen.

Es muss jedoch noch mehr geschehen. Unternehmensnachfolgen müssen schneller und einfacher möglich sein – dafür setzt sich der DIHK in Berlin vehement ein. Die Mehrheit der Personen, die eine unternehmerische Zukunft für sich in Betracht ziehen, bewertet die Bürokratie als große Hürde. Erforderliche Genehmigungen sollten digital und aus einer Hand mittelstandsfreundlich zur Verfügung gestellt werden und jegliche Doppelmeldungen der Vergangenheit angehören. Wenn die Bundesregierung rasch die 100 wichtigsten Verwaltungsleistungen für Unternehmen online zur Verfügung stellen würde – wie im Online-Zugangsgesetz angekündigt – würde dies die Hürden für potenzielle Unternehmer verringern.

Mittelstandsfreundliche Steuerpolitik

Ein Ärgernis für immerhin jeden fünften Alt-Inhaber und Nachfolge-Interessenten sind Unsicherheiten bei der Anwendung des neuen Erbschaftsteuergesetzes. Hier sollte bei der Unternehmensbewertung das vereinfachte Ertragswertverfahren von der Finanzverwaltung akzeptiert werden – ohne weitere aufwendige Begutachtungen und andere Bewertungsverfahren.

Auch bei der Wegzugsbesteuerung und der Reform der Grunderwerbsteuer drohen Hürden für die Unternehmensnachfolge, die mit einer mittelstandsfreundlichen Ausgestaltung der jeweiligen Regelungen vermieden werden könnten.

Autor

Dr. Marc Evers
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