Ausbildung, Digitalisierung und Mobilität sind Kernthemen für die IHK-Präsidentin

Mit anderen Unternehmern gemeinsam die Region voranbringen

Am 14. September 2017 wählte die IHK-Vollversammlung die Unternehmerin Kirsten Schoder-Steinmüller aus Langen zur IHK-Präsidentin. Im Interview mit der Offenbacher Wirtschaft gibt sie Einblick in ihre Ideen und Pläne für die zukünftige Ausgestaltung des Amtes.

Kirsten Schoder-Steinmüller ist die Präsidentin der IHK Offenbach am Main. Sie ist alleinige geschäftsführende Gesellschafterin der Schoder GmbH, Langen: ein Industriebetrieb in der Metallfertigung mit 80 Beschäftigten, den sie in der dritten Generation führt. Foto: Arens-Dürr/IHK

Frau Schoder-Steinmüller, Sie leiten ein Unternehmen mit 80 Mitarbeitern und widmen sich mehreren Ehrenämtern auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Nicht zu vergessen sind Sie Ehefrau und Mutter. An Arbeit und Abwechslung kann es Ihnen nicht mangeln. Warum engagieren Sie sich in der IHK?

Unternehmerin zu sein, das war immer schon mein Ziel. Deswegen bin ich direkt nach dem Studium in das Unternehmen meiner Eltern eingetreten. Und sich zu engagieren, für die Gesellschaft, für die Region, das gehört für mich zum Unternehmersein einfach dazu.

Deshalb war ich sieben Jahre lang bei den Wirtschaftsjunioren – engagierte Führungskräfte unter 40 Jahren –, war Präsidentin hier in Offenbach und habe auch eine Landeskonferenz organisiert. Schon damals habe ich gemerkt, wie wichtig der Austausch für die Unternehmer ist.

Und deshalb bin ich auch nach meiner Zeit als „Juniorin“ bei der IHK geblieben, als Handelsrichterin, in der Vollversammlung und im Präsidium.

Wir Unternehmer müssen zusammenarbeiten. Und das macht die IHK möglich. Das ist gut für alle. Für die Wirtschaft und für die Menschen hier in und um Offenbach.

Welche persönlichen Eigenschaften und Erfahrungen werden Sie in Ihr neues Amt einfließen lassen?

Ich komme aus einer Unternehmerfamilie, verwurzelt in der Region seit 1924. Selbst anpacken, Initiative ergreifen, damit bin ich groß geworden.

Und dann bin ich neugierig. Ich interessiere mich für andere Länder und andere Kulturen. Auch diesen internationalen Blick brauchen Unternehmen heute.

Wir stehen in einem globalen Wettbewerb. Den kenne ich aus meinem eigenen Unternehmen. Als Mitglied im DIHK-Ausschuss International kann ich meine Erfahrungen einbringen und erhalte wertvolle Einblicke.

Und ganz besonders wichtig sind mir die Menschen. Deshalb führe ich den Familienbetrieb anders, als mein Vater das getan hat. Er war wirklich der klassische Patriarch. Mir war früh klar, dass ich Verantwortung an Mitarbeiter delegieren muss. Sie sind das Herz im Unternehmen.

Bei Ihrer Wahl haben Sie unterschiedliche Themen hervorgehoben, mit denen sich die Offenbacher IHK aktuell und zukünftig befassen muss. Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Erfolg und Karriere setzen heute nicht mehr unbedingt ein Studium voraus. Mir ist es wichtig, dass junge Leute erkennen, wo ihre Chancen sind. Es ist für mich keine Floskel mehr: Wir haben einen Fachkräftemangel. Und eines ist Fakt: Bis 2020 fehlen in der Region 10.000 Facharbeiter.

Das merke ich in meinem Unternehmen jetzt schon jeden Tag. Wir können nicht mehr alle Maschinen zweischichtig besetzen. Und wenn ich versuche, Aufträge nach außen zu geben, ist es die gleiche Thematik. Liefertermine können nicht eingehalten werden, weil das Personal fehlt.

Also: Die Unternehmen suchen Fachkräfte! Und das immer mehr. Das sollte man wissen, wenn man sich als junger Mensch beruflich orientiert. Und eine Lehre macht auch richtig Spaß. Sie bedeutet Praxis plus Theorie.

Dafür werben wir als IHK. Gemeinsam mit Unternehmern und Auszubildenden aus der Region gehen wir an Schulen und wollen junge Menschen davon überzeugen. Gerade auch Mädchen, die erkennen, wie spannend technische Berufe sind.

Karriere, sicheres Einkommen, Erfolg – das geht alles auch mit einer Lehre!

In welchen Themen sehen Sie die größten Herausforderungen als Unternehmerin und als IHK-Präsidentin?

Da ist als Erstes die Digitalisierung. Sie muss für alle Unternehmen möglich sein, für die Großen und für die Kleinen. Digitalisierung hat ja viele Facetten. Im Unternehmen selbst müssen Prozesse digitalisiert werden. Und gegenüber dem Kunden die Produkte, der Service, die Kommunikation.

Andere Länder sind da deutlich weiter als wir. Ich habe das selber in Estland gesehen. Ob Sie eine Steuererklärung abgeben, wählen gehen oder eine Fahrkarte kaufen – das funktioniert alles über einen digitalen Ausweis. Wichtige Zukunftstechnologien wie das Internet der Dinge oder das autonome Fahren erfordern einen zügigen Ausbau der Daten-Infrastruktur.

Viele fürchten die Digitalisierung. Ich bin überzeugt, sie ist voller Chancen für die Wirtschaft. Und für die Menschen. Die Unternehmen können der Taktgeber sein. Wir müssen die Digitalisierung gestalten. Und da steht die IHK an der Seite der Unternehmen. Die IHK-Netzwerke bieten die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen und Lösungen zu finden.

Und die Politik muss die Chancen unterstützen, die Rahmenbedingungen optimieren.

Haben Sie ein konkretes Ziel, das Sie während Ihrer Präsidentschaft erreichen wollen?

Ein messbarer Erfolg wäre ein Anstieg der Anzahl an Auszubildenden. Wir verlieren momentan in Stadt und Kreis Ausbildungsplätze, große Ausbildungswerkstätten schließen. Unser Engagement für Ausbildung bei Jugendlichen, Eltern, Unternehmen und in Schulen werden wir weiter ausbauen.

Ein weiteres Ziel ist es, Unternehmen in Stadt und Kreis stärker an die IHK zu binden. Der Anfang ist für mich immer das Gespräch: Was bewegt uns gemeinsam in unseren Unternehmen und in der Region? Hier werden wir noch stärker Impulse setzen, damit unser Standort für Unternehmen und Mitarbeiter im Wettbewerb attraktiv bleibt und für die Zukunft fit ist.

Wie schätzen Sie die Situation des Standorts Region Offenbach ein?

Eine Region muss attraktiv sein für Menschen und Unternehmen. Wir haben hier gute Voraussetzungen dafür.

Nehmen wir das Thema Mobilität: Menschen und Waren zu bewegen, das ist in unserer Region eine zentrale Herausforderung. Wir haben eine sehr gute Anbindung an die Autobahnen, an den öffentlichen Personennahverkehr und ein gutes Straßennetz. Vor allem die Nähe zum Flughafen ist ein großes Plus. Die Sanierung der Straßen, der bedarfsgerechte Ausbau und vor allem die Vernetzung bleiben Aufgaben mit hoher Priorität. Neue Modelle für Mobilität gerade in Ballungsräumen wie der Rhein-Main-Region bieten Chancen, die wir ins Gespräch bringen wollen.

Und auch Daten müssen transportiert werden. Damit sind wir wieder bei der Digitalisierung. Schnelle Internetanbindungen sind der Standortfaktor Nummer eins. Hier wächst der Bedarf schneller als das Angebot.

Die Region Offenbach hat auch in den Flächen große Entwicklungspotenziale. Es geht um die Balance zwischen Wohnen und Arbeiten. Die Politik muss gemeinsam mit der Wirtschaft und anderen Akteuren eine Strategie für den Standort entwickeln. Damit wird erst der Rahmen geschaffen, dass attraktive und bezahlbare Flächen für Gewerbe und Wohnen entstehen können.

Wo können die Stadt und der Kreis sich jeweils besser profilieren?

Wie die Weichen für Stadt und Kreis Offenbach für die Zukunft gestellt werden müssen, hat die IHK zusammen mit den Partnern in Politik und Verwaltung entwickelt: im Masterplan für Offenbach und im Wirtschaftsförderungskonzept für den Kreis. Die Umsetzung ist in vielen Einzelprojekten auf gutem Weg. Hier bleiben wir dran.

Offenbach ist nach wie vor auch die Gründerhauptstadt Deutschlands. Die Zahl der innovativen Start-ups nimmt zu. Für die Hochschule für Gestaltung wird im Hafen ein Neubau errichtet. Zusammen mit verschiedenen Aktivitäten zum Thema Design sind das Möglichkeiten, dem Standort ein schärferes Profil zu geben.

Neben starken Standorten und vielen innovativen Unternehmen bietet der Kreis Offenbach ein breites Spektrum an Arbeitsplätzen, attraktivem Wohnen, Natur, Freizeitmöglichkeiten. Die Region hat eine hohe Lebensqualität und Vielfalt. Ein reges Vereinsleben erleichtert die Integration von Neubürgern. Für ihre besondere Willkommenskultur hat die IHK bereits mehreren Kommunen das Siegel „Ausgezeichneter Wohnort für Fach- und Führungskräfte“ verliehen.

Wir müssen unsere Stärken deutlicher zeigen.

Was erhoffen Sie aus Unternehmersicht von der neuen Bundesregierung?

Die wirtschaftliche Lage ist gut. Aber die Unternehmen machen sich Sorgen, ob dies auch so bleibt. Dies zeigt eine Umfrage des DIHK zur Bundestagswahl. Auf vielen wichtigen Zukunftsfeldern registrieren die Unternehmen mehr Stillstand als Aufbruch. Die Wirtschaft erwartet jetzt ein mutiges Start-Signal.

Die Unternehmen wissen, dass sie sich angesichts der vielfältigen Herausforderungen wie Digitalisierung, Demographie oder Wettbewerb selbst neu aufstellen müssen. Umso wichtiger ist jetzt Rückenwind aus der Politik.

Internationale Wirtschaftsbeziehungen sind für Sie als Unternehmerin von Bedeutung und Sie befassen sich in Ihren Ehrenämtern intensiv mit dem Thema. Was raten Sie unseren weltweit agierenden Mitgliedsunternehmen in der derzeitigen Lage?

Global gesehen leben wir in einer Zeit, in der viele Menschen beunruhigt sind und vielleicht sogar überfordert. Die Antwort kann aus meiner Sicht nur lauten: Besonnenheit und Zuversicht bewahren! Es wird entscheidend darauf ankommen, dass wir in unserer Wertegemeinschaft den Zusammenhalt nicht verlieren.

Als Unternehmerin beobachte ich die Lage auf den für uns wichtigen Märkten sehr genau. Die Wirtschaft hierzulande ist so erfolgreich, weil sie offen, modern, tolerant und international ist. Das muss so bleiben. Dafür setzen wir uns als IHK ein. Deshalb sollten wir unsere Kontakte in Krisenregionen halten, gesprächsbereit bleiben und gemeinsame Perspektiven ausloten.

Die für uns besten Entscheidungen treffen wir Unternehmer anhand aktueller Informationen aus den Ländern, in denen wir tätig sind, mit denen wir Geschäfte machen. Diese Informationen bietet die IHK Offenbach am Main zusammen mit den Auslandshandelskammern in mehr als 90 Ländern aus erster Hand.

Und eines ist mir im internationalen Kontext besonders wichtig. Die Politik muss sich um Europa kümmern. Sie muss alles daran setzen, dass wir in der Europäischen Union wieder zueinander finden und als Union auftreten. Betrachtet man Deutschland als Einzelstaat, also mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt, sind wir weltwirtschaftlich gesehen fast im Promillebereich. Unsere Region profitiert ganz gewaltig von der EU. Und so sollte es auch in Zukunft sein.

Zum Schluss die Bitte um eine Stellungnahme einer echten IHK-Kennerin – Sie engagieren sich seit gut drei Jahrzehnten in der IHK Offenbach am Main: Welche Entwicklung hat die IHK im Lauf der Zeit aus Ihrer Sicht genommen?

Klipp und klar: Eine ganz tolle Entwicklung! Als ich die IHK kennengelernt habe, war sie noch sehr bürokratisch. Ich habe sie in den Anfängen nicht immer als Partner der Wirtschaft erlebt. Das ist sie heute!

Heute gilt mehr denn je: Unternehmer sind nur gemeinsam erfolgreich. Das fördert und unterstützt die IHK.
Das „gemeinsam“ wirkt nach innen: Die IHK bietet Plattformen zum Austausch der Unternehmen. Jeder hat eine Erfahrung, die einem anderen helfen kann.

Und das „gemeinsam“ wirkt nach außen: in Richtung der Politik. Wir bündeln die Unternehmer-Meinungen. Unseren gemeinsamen Zielen und Anliegen der Wirtschaft schaffen wir Gehör bei Politik und Verwaltung.

Die Herausforderungen werden nicht weniger. Für die IHK Offenbach am Main ist viel zu tun. Ich freue mich, für die IHK als konstruktiver und fairer Partner unseren „starken Standort Region Offenbach“ mitzugestalten.

Frau Schoder-Steinmüller, wir danken Ihnen für den offenen Gedankenaustausch.

Die Fragen stellte:

Birgit Arens-Dürr
Telefon (069) 8207-248
arens@offenbach.ihk.de