Studie relativiert verbreitete Ansichten

Mit 50 plus in die Selbstständigkeit

Jüngere sind risikofreudig, Ältere hingegen sicherheitsbezogen … von wegen! Eine neue Studie im Auftrag des RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Wirtschaft e.V. beleuchtet die Gründungseinstellung im Generationenvergleich und räumt dabei einige verbreitete Klischees aus.

Das Durchschnittsalter der Gründer in Deutschland steigt. Eine erstaunliche Erkenntnis aus der RKW-Befragung: Gesundheitliche Einschränkungen halten nicht ältere, sondern jüngere Menschen eher von der Gründung ab. Foto: oneinchpunch – stock.adobe.com

Die Gründungskultur in Deutschland ist vom Mythos des jungen Gründers geprägt. Tatsächlich aber steigt hierzulande das Durchschnittsalter der Gründer seit einigen Jahren, es liegt derzeit bei zirka 40 Jahren. Auch die Beratungszahlen der regionalen IHKs belegen, dass Personen mittleren und fortgeschrittenen Alters zunehmend Interesse an Unternehmertum zeigen. Das bedeutet: Gründung geschieht in allen Lebensphasen. Dass je nach Lebensphase unterschiedliche Motivationen, Hemmfaktoren und Einstellungen im Vordergrund stehen, zeigt sich in der neuen Studie „Gründungseinstellung in Deutschland: Wie gründungsbereit sind jüngere und ältere Menschen?“. Dabei wurden gängige Klischees unter die Lupe genommen.

Junge Menschen sind gründungswilliger

Ja! Die Gründungsneigung ist in jungen Jahren am höchsten und sinkt mit steigendem Alter. Fast die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen, etwa ein Drittel der 40- bis 49-Jährigen und ein Viertel der 50- bis 59-Jährigen kann sich vorstellen, selbstständig zu werden.

Auch bei der Umsetzung der Geschäftsidee schneiden die Jüngsten am besten ab: Zirka ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen haben sich in Beratungen bereits mit der beruflichen Selbstständigkeit befasst. Ab diesem Alter bis 59 Jahre nehmen die Werte konstant, aber in nur geringem Ausmaß, ab. In der Altersgruppe 60 bis 69 Jahre gibt dies nur jeder fünfte Befragte an.

Jüngere sind mutiger

Nein! Die Befragungsergebnisse lassen zunächst erkennen, dass Angst vor dem Scheitern nach wie vor einen großen Stellenwert in der deutschen Gründungskultur hat. Im Vergleich der Altersgruppen ist die Angst in den jungen Jahren am höchsten und sinkt mit zunehmendem Alter. Die höchste Quote mit annähernd 60 Prozent erreichen die 18- bis 29-Jährigen beziehungsweise die 30- bis 39-Jährigen, Tendenz absteigend. Erst im fortgeschrittenen Alter, genau genommen ab 60 Jahren, geben sich die Menschen zuversichtlicher und die Angst sinkt unter 40 Prozent.

Junge wollen „schnelles Geld“

Jein. Die Frage nach den Gründungsmotiven lässt sich nicht so einfach beantworten. Für alle Altersgruppen stehen Freiheit, Flexibilität und (berufliche) Selbstverwirklichung im Vordergrund. Abgesehen von diesem gemeinsamen Leitmotiv unterscheiden sich die Gründungsmotive nach Lebenslage: Für Jüngere ist der Wunsch, unternehmerisch tätig zu sein, das ausschlaggebende Motiv. Bei Befragten ab dem mittleren Alter (40 plus) kommen vielfältige andere Gründungsmotive hinzu, die als ausgeglichener Mix aus Push- (zum Beispiel Arbeitslosigkeit) und Pull-Faktoren (zum Beispiel bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf) die Gründungsneigung beeinflussen. Im höheren Alter (70 plus) wird die unternehmerische Tätigkeit zunehmend als letzte Karrierechance und Möglichkeit, sein Einkommen aufzubessern, wahrgenommen.

Alter und Krankheit hindern am Gründen

Nein! Finanzierung stellt für alle Altersgruppen die Hürde Nummer eins dar. Die Bewertung weiterer Hemmnisse hängt ebenfalls vom Alter ab. Ältere (50 plus) bemängeln die Bürokratie und sorgen sich über fehlende persönliche und existenzielle Sicherheit. Hingegen klagen junge Befragte (unter 50) über ein hohes Arbeitsvolumen, Stress und ständige Verfügbarkeit als Belastungen in der Selbstständigkeit. Wider Erwarten halten gesundheitliche Einschränkungen nicht ältere, sondern jüngere Menschen eher von der Gründung ab.

Jüngere sind glücklicher mit der Gründung

Klar, aber Ältere auch! Insgesamt betrachtet ist die Mehrheit der Befragten mit unternehmerischer Erfahrung zufrieden mit der Berufswahl. Lediglich eine Altersgruppe weicht vom Gesamtergebnis ab: Menschen mittleren Alters. Die höchste Zufriedenheit zeigen die Ältesten (70 bis 79 Jahre), gefolgt von den Jüngsten (18 bis 29 Jahre), beide mit Anteilen von zirka 60 Prozent.

Autorin:

Dr. Noemi Fernández Sánchez
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