Unternehmen könnten die Region verlassen

Mangel an Flächen gefährdet Wachstum

Fehlende Flächen in Stadt und Kreis sind nach Einschätzung der IHK Offenbach am Main eine Gefahr für das Wachstum. „Das ist ein Entwicklungsrisiko für die ganze Region“, warnt Frank Achenbach, IHK-Geschäftsführer für Standortpolitik. Ein Beispiel aus der Praxis liefert Sabine Schindler, stellvertretende Geschäftsführerin der Schindler Sand-Kiesvertrieb Erdbau und Containerdienst GmbH aus Langen.

Frank Achenbach, Geschäftsführer Standortpolitik der IHK Offenbach am Main, plädiert dafür, bei der Vergabe von Flächen Gewerbe und Wohnen gleichermaßen zu berücksichtigen. Fotos: Linke/IHK

Im Interview mit Marc Kuhn, Wirtschaftsredakteur der Offenbach Post, erläutern sie ihre Standpunkte.

Flächen stehen in Konkurrenz für das Gewerbe und die Wohnbebauung. Wem gibt die IHK den Vorzug?

Achenbach: Für die erfolgreiche Entwicklung der Region brauchen wir beides. Der Fokus der Politik liegt zwar auf dem Thema Wohnen. Wir brauchen aber eine Strategie, bei der auch Flächen für das Gewerbe ausgewiesen werden.

Wie sollte die Strategie aussehen?

Achenbach: Das lässt sich gut an dem Beispiel Offenbach festmachen. Stadt und Wirtschaft haben einen Masterplan entwickelt. Die Strategie würde ich mir in vielen Kommunen wünschen. Die Strategie muss sich mit den Flächenpotenzialen auseinandersetzen. Wo können kurz-, mittel- und langfristig Flächen entwickelt werden? Wie können sie an den Markt gebracht werden? Diese strategische Planung brauchen wir.

Sie haben Offenbach als Beispiel genannt. In anderen Kommunen läuft es offenbar nicht so rund?

Achenbach: Vor dem Masterplan ist es in Offenbach ja auch nicht rund gelaufen. Oft werden Wohngebiete ausgewiesen. Fragt die IHK nach Gewerbeflächen, wird es dünn bei den Kommunen.

Frau Schindler, wo liegen die Herausforderungen für Ihre Firma?

Schindler: Wir sind ein Erdbauunternehmen und Containerdienst aus Langen. Die Firma ist an der Liebigstraße seit 1964. Das Grundstück haben wir von der Stadt Langen erworben. Unser Unternehmen wird nun durch die aktuelle Planung der Stadt sehr stark eingegrenzt. Wir haben mit der Wirtschaftsförderung, Bürgermeister und Stadtrat Stefan Löbig auch über eine Ausweichfläche gesprochen. Das Unternehmen ist nicht unbedingt auf diesen Standort angewiesen. Wir sind flexibel.

Eingegrenzt heißt, Sie können sich nicht entwickeln?

Schindler: Nicht einmal der flexible Bestandsschutz wird uns zugesprochen. Wir können also auf marktgegebene Veränderungen nicht reagieren. Es gibt ein ganz enges Korsett, in dem wir uns bewegen können. Das ist für unser Unternehmen absolut existenzbedrohend.

Achenbach: Das Gelände, auf dem Frau Schindlers Firma beheimatet ist, war ursprünglich gewerblich genutzt worden. Das Gebiet an der Liebigstraße wird nun als Wohngebiet entwickelt. Die Firmen haben also ein Problem. Die Bahnlinie ist die Trennlinie, westlich wird Gewerbe angesiedelt, östlich Wohnen. Es müssen aber Entscheidungen für die Unternehmen getroffen werden, die dort ihren Standort haben.

Ist die Situation für Sie gefährlich?

Schindler: Extrem. Die Firma wäre bereit gewesen, eine Ausweichfläche in Anspruch zu nehmen. Uns wurde aber keine angeboten. Es gibt keine alternative gewerbliche Fläche in Langen. Ich spreche nicht nur für unsere Firma. Es sind auch andere Unternehmen betroffen. Wir hoffen auf den flexiblen Bestandsschutz.

Achenbach: Es läuft ein Bebauungsplanverfahren für das Gebiet. Es wurde ursprünglich gewerblich genutzt, künftig für Wohnen. Deshalb muss die Kommune einen Bebauungsplan aufstellen. Die vorhandenen Unternehmen brauchen die Möglichkeit zu wirtschaften. Sie dürfen sich aber nicht entwickeln. Beispielsweise muss jede Veränderung an Gebäuden genehmigt werden. Eine Baugenehmigung könnte verweigert werden.

Ist das ein Beispiel für Kommunen in der Region?

Achenbach: Das ist ein typisches Beispiel für Unternehmen, die vor Ort keine Entwicklungsmöglichkeiten finden.

Wie viele Flächen benötigen Gewerbe und Wohnen in Stadt und Kreis?

Achenbach: Vor fünf bis zehn Jahren haben Wohnbedarfsprognosen gesagt, dass keine neuen Flächen für Wohnen benötigt werden. Damals ging man davon aus, dass die Region Offenbach genauso wie die Metropolregion schrumpft. Die Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main ist aber mittlerweile eine Zuzugsgegend. Stadt und Kreis Offenbach sind sehr attraktiv. Die Bevölkerung ist von 2007 bis 2018 von 300 000 auf 350 000 Personen gewachsen. Wir brauchen also Flächen für Wohnen und Gewerbe. Schließlich ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Versicherten um elf Prozent gewachsen. Ein Viertel der Firmen in Stadt und Kreis Offenbach sagt laut der IHK-Standortumfrage, dass sie bald Flächen brauchen. Das ist eine Menge.

Und wenn sie die Flächen nicht finden?

Achenbach: Fast die Hälfte der Unternehmen berichtet, dass sie dann den Standort verlassen würden. Das Risiko für die Kommunen, nicht genügend Flächen vorzuhalten, ist greifbar.

Wohnen zieht Arbeitsplätze an, heißt es. Warum gibt die Kammer nicht der Wohnbebauung den Vorzug?

Achenbach: Ich würde es gerne umdrehen: Arbeitsplätze ziehen Wohnbevölkerung an. Beides bedingt sich gegenseitig. Für die Firmen ist der Fachkräftebedarf schließlich eine große Herausforderung. Es geht aber nicht nur um Flächen, sondern auch um die weichen Standortfaktoren wie Kinderbetreuung.

Wie viel Platz gibt es denn in Stadt und Kreis fürs Gewerbe?

Achenbach: In Stadt und Kreis Offenbach gibt es laut Regionalverband 31 Hektar Baupotenzial. Wenn alle zur Verfügung stehen würden, wäre es ausreichend. Wie sieht es aber mit den Interessen der Eigentümer aus? Es gibt zum Beispiel 25 Hektar Alessa-Areal, die der Firma Clariant gehören. Gespräche laufen. So gibt es an vielen Stellen Entwicklungshemmnisse.

Warum haben die Kommunen Probleme mit der Ausweisung von Gewerbeflächen?

Achenbach: Die Bevölkerung möchte die Schaffung von Wohnraum, aber bitte nicht in ihrem Umfeld. Es gibt ein Akzeptanzproblem. Für die Politik entsteht daraus eine Herausforderung. Deshalb fehlt es oftmals an politischem Willen, das eine oder andere Bauprojekt anzufassen.

Die Politik weist Flächen also lieber als Wohngebiet aus?

Achenbach: Oder sie lässt sie ganz liegen. Auch bei der Ausweisung von Wohnflächen gibt es Vorbehalte. Aber: Langen weist Wohngebiete aus, das ist gut für die Metropolregion. Offenbach ist auch dabei. Es gibt andere Kommunen – im Vordertaunus –, die machen gar nichts mehr.

Welche Kommunen in Stadt und Kreis weisen denn Flächen aus?

Achenbach: Rodgau sticht hervor, 80 Hektar werden für Wohnen und Gewerbe ausgewiesen. Im gewerblichen Bereich ist Dietzenbach sehr stark. Egelsbach hat ein großes Wohnbaugebiet erschlossen. Dort gibt es keine weiteren Flächen mehr.

Reduzieren fehlende Flächen das Wachstum in der Region?

Achenbach: Ja, sowohl wenn Wohnbau- als auch wenn Gewerbeflächen fehlen. Wir brauchen Engagement in beiden Bereichen. Das ist ein Entwicklungsrisiko für die ganze Region.

Was kostet ein Quadratmeter Wohn- und Gewerbefläche in Stadt und Kreis?

Achenbach: Bei den Gewerbeflächen sind es ungefähr 150 Euro pro Quadratmeter. Teilweise auch mehr, wenn die Fläche beispielsweise in Langen ist. Bei den Wohnbauflächen kommt es drauf an, was man darauf bauen kann, zum Beispiel Ein- oder Zweifamilienhäuser. Die Preise liegen bei 500 Euro oder deutlich darüber, teils bei 800 oder 1.000 Euro. Für Eigentümer ist es also attraktiv, die Fläche liegenzulassen und zu hoffen, dass aus einer Gewerbefläche Wohnfläche wird.

Sabine Schindler, stellvertretende Geschäftsführerin der Schindler Sand-Kiesvertrieb Erdbau und Containerdienst GmbH aus Langen, sieht die Existenz ihres Unternehmens bedroht.