Momentaufnahme aus Expertensicht

„KI wird jede Branche und jeden Arbeitsplatz betreffen“

„Computer als Steuerfahnder“ titelte die Offenbach Post am 10. Dezember 2018 und berichtete davon, dass das Land Hessen künstliche Intelligenz (KI) im Kampf gegen Betrüger nutzen will. Die zwei Seiten dieser technischen Entwicklung werden hier auf einen Schlag deutlich: KI eröffnet neue Wege, um Prozesse besonders effizient zu gestalten. Aber sie übernimmt Aufgaben, die bisher von Menschen erledigt wurden und kann deren Arbeit überflüssig machen.

Anwendungen, die künstliche Intelligenz nutzen, stecken noch in den Kinderschuhen und Menschen haben die Kontrolle darüber in der Hand. Foto: Sdecoret – Fotolia

Swen Schneider, Dekan des Fachbereichs Wirtschaft und Recht an der Frankfurt University of Applied Sciences und Spezialist für E-Commerce, ist mit dem Thema seit langem vertraut: „KI ist nichts Neues. Aber durch die Zunahme an hoch leistungsfähigen Computern können die Verfahren, die es schon länger gibt, effizienter und besser angewendet werden. Außerdem werden erste Produkte verkauft, in denen solche Anwendungen zum Einsatz kommen. Es gibt einen ‚Hype‘, weil KI schick und wichtig zu sein scheint und weil man morgen vielleicht aus dem Geschäft ist, wenn man sich nicht damit befasst.“ Klar ist für ihn die Relevanz des Themas, und dass man überlegen sollte, wie es in die eigenen Handlungsfelder hineinspielt.

Was ist KI?

„KI bedeutet eine Simulation von Intelligenz. Es handelt sich um Systeme, die menschliche Intelligenz nachahmen. Ein System gilt dann als intelligent, wenn es selbstständig und effizient Probleme lösen kann“, lautet die Definition des Professors. Im weiteren Sinn passe diese auch auf den Prozess des „Data Mining“. Dabei werden mit Hilfe von Algorithmen aus großen Datensätzen Erkenntnisse gewonnen. Es gibt einen festen Rahmen, denn ein Programmierer beschreibt einen bestimmten Lösungsweg.

„Im engeren Sinn geht es bei KI darum, das Gehirn nachzubilden“, sagt der Wissenschaftler. „Da sind wir bei neuronalen Netzen und maschinellem Lernen. Es werden neue Erkenntnisse gewonnen, obwohl der Rahmen nicht genau bekannt ist, das heißt ich überlasse dem Computer die Lösung. Es ist, als ob ich etwas in einen Schuhkarton hineinstecke und schaue, was hinten rauskommt. Wenn es mir gefällt, sage ich dem Computer: ‚Gut gemacht‘. Wenn es mir nicht gefällt, gehe ich zurück, ändere etwas am Input und schaue wieder, was dabei herauskommt. Aber was im Schuhkarton passiert, weiß ich nicht. Das schürt Ängste.“ Deshalb sei KI immer noch schwierig zu implementieren, auch wenn schon seit 70 Jahren in diesem Bereich geforscht wird. „Jetzt entwickelt sich gerade eine Wahnsinnsdynamik, weil viele Menschen und Disziplinen sich mit KI befassen. Es gibt Produkte. Man kann Geld damit verdienen. Das Thema kommt raus aus der Forschung. Mit dieser Dynamik gehen Bedenken und ethische Fragen einher.“

KI in Unternehmen

Die Frankfurt University of Applied Sciences bietet inzwischen den Master-Studiengang Strategisches Informationsmanagement an: Eine Unternehmensberatung trägt dazu bei, dass „applied AI“ (angewandte KI) in eine Lehreinheit integriert wird. Im Frankfurter „TechQuartier“, einer vom Hessischen Wirtschaftsministerium geförderten Gründer-Plattform, arbeitet und forscht die Hochschule zusammen mit Start-ups.

„Große Unternehmen befassen sich mit ‚applied AI‘, allerdings derzeit noch eher wie auf einer Spielwiese“, beschreibt Schneider die aktuelle Situation. „Kleinere Unternehmen werden eher keine eigenen KI-Experten einstellen. Aber sie können sich irgendwann Produkte kaufen, in denen KI-Algorithmen integriert sind.“ Es gelte, auf dem Laufenden zu bleiben und zu schauen, welche Angebote es für die eigene Branche gibt.

Als Bereiche, in denen KI bereits erfolgreich zum Einsatz kommt, nennt er Kreditvergaben sowie Kunden-Evaluierung und -Scoring (Kunden-Scoring = Ermittlung der Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kunde eine bestimmte Ware oder Dienstleistung kauft). „Momentan sind die meis-ten allerdings bei dem Algorithmus, der Daten auswertet, also bei KI im weiteren Sinn. Richtige KI ist noch in den Kinderschuhen“, sagt Schneider.

Während es bei der Industrialisierung mit Robotern eher um einfache Prozesse ging, werden sich mit Hilfe von KI komplexe Tätigkeiten automatisieren lassen. Es keimt die Frage: „Ist meine Arbeitsstelle bedroht?“ Der Professor meint: „Die Jobs sind nicht unbedingt bedroht, aber sie werden sich ändern, genau wie viele Geschäftsmodelle. Das geschieht nicht von heute auf morgen. Es ist ein schleichender Prozess und der beginnt heute. Das heißt nicht, dass jeder Beruf morgen anders aussieht. Aber vielleicht in einem Jahr oder in zehn Jahren.“

Derzeit geben Menschen die Regeln für den Einsatz von KI vor und Menschen obliegt die Kontrolle. „In Wirtschaftsprüfungsunternehmen beschäftigen sich damit ganze Abteilungen“, berichtet Schneider. „Vielleicht gibt es aber bald Computer, die Computer kontrollieren. Da müssen wir uns fragen, ob wir das überhaupt wollen. Es ist ein schwieriges Thema, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Die Diskussion reicht auch ins Philosophische: Wenn Computer selbstständig Entscheidungen treffen, sind sie dann Persönlichkeiten? Denn das macht doch eine Persönlichkeit aus“, stellt er in den Raum.

Schließlich sei zu klären, was mit den Menschen geschieht, deren Arbeit von KI übernommen werden kann. Der Wissenschaftler fragt: „Werden sie durch eine Roboter-Steuer an den Unternehmen und den Gewinnen beteiligt? Wie kommen wir davon ab, dass wir uns über unsere Arbeit definieren? Ein sozialer Status, mit dem man sich wohl fühlt, muss auf anderem Weg erreichbar werden.“

Globale Fragen

Was den Einfluss von KI auf die Lebens- und Arbeitswelt angeht, zieht Schneider den Vergleich zum Smartphone: „Zehn Jahre Smartphone haben unser Leben komplett verändert. Und KI wird das genauso tun. Wir werden in eine Diskussion münden, die mit Datenschutz und Ethik zu tun hat. Das sind aber keine deutschen oder europäischen Fragen, sondern weltweite. Was nützen uns restriktive Regeln in Deutschland, wenn der Rest der Welt anders handelt. Unser Online-Recht verlangsamt vieles nur. Wir müssen einen Rahmen für den Umgang mit KI finden.“

Für den Augenblick rät der Professor: „Keine Panik!“ Allerdings wendet er ein: „Man sollte nicht sagen: ‚Das geht mich nichts an.‘ KI wird jede Branche und jeden Arbeitsplatz betreffen. Die Frage ist nur, wann.“

Kontakt:

Prof. Dr. Swen Schneider
Telefon (069) 1533-3885
swen.schneider@fb3.fra-uas.de
www.frankfurt-university.de

Autorin:

Birgit Arens-Dürr
Telefon (069) 8207-248
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