Aus der Krise lernen

IHK: Jetzt Lieferketten sichern und Bürokratie abbauen

Die IHK Offenbach am Main ist überzeugt: Engpässe durch unterbrochene Lieferketten können zukünftig vermieden werden, wenn die Produktion zurück in die Region verlagert und bürokratische Hindernisse abgebaut werden.

In der Coronakrise hat sich gezeigt, wie leicht weltumspannende Lieferketten reißen können.
Der Trend geht zur Regionalisierung. Foto: Stock.Adobe – Golden Sikorka

Die hessischen Unternehmen sind im weltweiten Geschäft sehr erfolgreich – vorausgesetzt, die Lieferketten (Supply Chains) funktionieren. In der Coronakrise sind diese vielfach in Bedrängnis geraten, weil Grenzen geschlossen oder Im- und Exporte eingeschränkt waren. 45 Prozent von 4.000 deutschen weltweit agierenden Unternehmen haben in der aktuellen Umfrage der Auslandshandelskammern von Problemen mit der Logistik oder den Lieferketten berichtet. 

„Wir beobachten eine ‚regionale Globalisierung‘ – und das nicht erst seit Corona“, bemerkte Prof. Dr. Christian Kille, Professor der Handelslogistik an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt und Marktexperte der Bundesvereinigung Logistik e.?V. (BVL), beim virtuellen Netzwerktreffen Zoll@work. So heißt die Plattform der IHK Offenbach am Main für Praktiker im Zoll- und Außenwirtschaftsrecht. Der Kreis trifft sich, um aktuelle Themen und Fragen aus der Praxis zu diskutieren und sich mit Experten auszutauschen. „Die Supply Chains (Lieferketten) werden kürzer“, berichtete Kille. „Produkte müssen vielleicht nicht mehr um die ganze Welt geschickt werden. Je mehr Beteiligte involviert sind, je mehr Grenzen überschritten werden müssen, desto mehr kann passieren. Die Entwicklung geht weg von einem zentralen Produktionsort in China für die Welt, hin zu einem in China für China plus einem zweiten in oder in der Nähe von Europa für Europa. Dieser Trend, den wir seit Jahren erleben, bekommt jetzt einen starken Schub.“

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Zum einen sind die Anforderungen auf den regionalen Märkten unterschiedlich. Zum anderen ist die Nachfrage aufgrund der größeren Variantenvielfalt schlechter prognostizierbar. Auch der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und die zuletzt stark gestiegenen Frachtkosten nehmen erheblich Einfluss.

Giuseppe Guzzardella, Betriebsleiter der Verzollungsbüro Butz GmbH in Rödermark und Mitglied des IHK-Netzwerks Zoll@work, beobachtet: „In den letzten Wochen sind die Preise für Luftfrachten zum Teil in den Himmel geschossen. Wir haben stark schwankende Tagespreise gesehen, die teil-
weise auf das Zwei- bis Zehn-
fache der Kosten gestiegen sind. Anstelle von Passagieren wurden auf den Flugzeugsitzen Pakete befördert. Auch wurden Passagierflugzeuge leergeräumt, indem die Sitze entfernt und eingelagert wurden, denn das Aufkommen und die Nachfrage sind groß. Das generelle Exportgeschäft ist rückläufig, aber im Import – vor allem von Schutzausrüstungen – können wir uns vor Aufträgen kaum retten.“

Die IHK-Organisation fordert, auf einen starken EU-Binnenmarkt zu setzen, denn Europa ist die wichtigste Handelsregion für deutsche Unternehmen. Kille findet es daher wichtig, zu fragen: „War es wirklich die beste Wahl, einzelne systemrelevante Produkte außerhalb der EU herzustellen?“  Binnenmarktregeln müssen konsequenter durchgesetzt und unnötige Bürokratie abgeschafft werden. Der freie Verkehr aller Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräfte sollte so schnell wie möglich wieder gewährleistet werden. Viele Unternehmen sorgen sich, dass aktuelle Handelshürden nach der Coronakrise fortbestehen. „Die Politik muss weg von einem ‚trial and error‘ hin zu ‚lessons learned‘. Wir haben einen Nachholbedarf in puncto Digitalisierung und wir müssen etwas tun in der Nachhaltigkeit. Das bedarf gezielter Finanzhilfen“, ist Kille überzeugt.

Dass in die Digitalisierung investiert werden muss, sieht auch Horst Scharf, Geschäftsführer der Format Software GmbH in Dreieich und Zoll@work-Mitglied: „Wir haben Anfragen von namhaften Unternehmen vorliegen, die sich mehr Transparenz in der Supply Chain wünschen. Dazu arbeiten wir derzeit an einer Plattform. Über sie sollen alle, die in die Lieferkette eingebunden sind, Informationen einsehen oder Daten sogar anreichern können. Egal ob Lieferant, Spediteur, Kunde oder der Zoll – egal wo man sich in der Kette befindet, die Kommunikation soll zukünftig in Echtzeit laufen.“

Bei Fragen zu internationalen Lieferketten und grenzüberschreitenden Geschäftsbeziehungen finden Unternehmen Unterstützung in der IHK Offenbach am Main. In die Beratung bezieht sie das Netzwerk der deutschen Auslandshandelskammern (AHK) ein.

www.offenbach.ihk.de/N978
www.ihkof.de/zollnetzwerk

Kontakt

Silvia Schubert-Kester
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