Ministerin Sinemus im Gespräch mit der IHK Darmstadt-Rhein-Neckar

Hessen investiert in die Zukunftsfähigkeit seiner Unternehmen

Digitalisierung ist ein stetiger Prozess. Ständig kommen neue technologische Möglichkeiten, aber auch neue Anforderungen für ihren Einsatz hinzu. Oft fehlen KMU das Know-how und die Mittel, um mit dieser Dynamik Schritt halten zu können.

Prof. Dr. Kristina Sinemus

Die IHK Darmstadt-Rhein-Neckar hat mit Hessens Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung Prof. Dr. Kristina Sinemus darüber gesprochen, wie das Land den Mittelstand bei der digitalen Transformation unterstützt und Betrieben hilft, sich für die Entwicklung und Anwendung von Schlüsseltechnologien wie künstliche Intelligenz (KI) zukunftsfähig aufzustellen. / Foto: Staatskanzlei

Ihre Hessen-Tour 2020 stand unter dem Motto „Nutzen der Digitalisierung“. Während dieser Tour haben Sie auch in einigen Unternehmen haltgemacht. Was hat Sie überrascht oder beeindruckt?

Beeindruckt haben mich das Engagement, die Kompetenzen und auch der Mut der Menschen in den Unternehmen, die die digitale Transformation vorantreiben. In Kassel beispielsweise habe ich das Start-up Sminno besucht, das ein intelligentes Cockpitsystem fürs Fahrrad entwickelt hat. Es besteht aus einer Smartphone-Halterung und einer KI-gestützten App, die sich über Sprache steuern lässt. Wenn ich unterwegs bin und die App beispielsweise frage, wo ich das nächste Denkmal finde, lotst sie mich dahin. Ich habe das ausprobiert und fand es sehr nützlich. Beim Vorzeigemittelständler Rittal, einem Schaltschrank- und Systemanbieter in Haiger, hat mich beeindruckt, dass dort zum einen Zukunftstechnologien wie digitale Zwillinge Teil des Geschäftsmodells sind, zum anderen die Prozesse im Betrieb selbst sehr stark digitalisiert sind. So werden etwa selbstfahrende Roboter eingesetzt. In Zwingenberg konnte ich mich beim Biotech-Unternehmen Brain davon überzeugen, wie über digital gestützte Datenanalysen schneller geeignete Enzyme identifiziert werden, die in industriellen Prozessen zum Einsatz kommen können.

Zwei Branchen, die beim Thema digitale Transformation ganz besonderen Herausforderungen gegenüberstehen, sind der Handel und das Handwerk. In Bensheim habe ich auf meiner Hessen-Tour mit Ihrer IHK-Vizepräsidentin und Inhaberin des Kaufhauses Ganz, Tatjana Steinbrenner, darüber gesprochen, wie man analog und digital möglichst gewinnbringend zusammenbringen kann. Ich bin überzeugt, dass es mithilfe digitaler Geschäftsmodelle gelingen kann, den stationären Handel und die Innenstädte zu stärken. Die IHK Darmstadt bietet mit „Einfach handeln, online auftreten“ oder „Heimat shoppen“ tolle Formate, die wir weiterdenken sollten. Auch Handwerksbetrieben eröffnet die Digitalisierung neue Marktchancen, da waren sich Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, und ich bei meinem Besuch in Frankfurt einig. Für die Zukunftssicherung des Standortes Hessen müssen und wollen wir möglichst viele KMU bei der Digitalisierung mitnehmen. Deshalb ist die Geschäftsstelle Digitales Hessen, die Unternehmen im operativen Bereich unterstützt, auch im Digitalministerium angesiedelt.

 

In einem Interview haben Sie Corona als Evolutionsschub für die Digitalisierung bezeichnet, der vielen Unternehmen den Nutzen der Digitalisierung deutlich gemacht habe. Auch hier taucht der Begriff „Nutzen“ wieder auf. Glauben Sie, dass Unternehmer, die nicht oder nicht ausreichend in Digitalisierung investieren, schlichtweg den Nutzen nicht erkennen? Schließlich spielen hier viele Faktoren eine Rolle.

Das stimmt, es gibt verschiedene Hemmnisse, weshalb Unternehmen nicht in die digitale Transformation investieren: der Mangel an qualifizierten Fachkräften, hohe Anforderungen an Datenschutz und die IT-Sicherheit oder es fehlt schlicht die Zeit, sich des Themas anzunehmen. Und nicht zuletzt ist Digitalisierung eine Kostenfrage. Die Anschaffung der nötigen Infrastruktur, die Schulung des Personals – das alles kostet Geld. Gerade deshalb stelle ich immer wieder den Nutzen in den Mittelpunkt. Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern muss einen konkreten Mehrwert für das Unternehmen bieten. Trotz aller Hemmnisse hat Corona gezeigt: Unternehmen, die ihre Geschäfte bereits in großen Teilen im virtuellen Raum abwickeln, können in Krisenzeiten wirtschaftlich besser operieren. Auch deshalb arbeiten wir daran, möglichst viele Unternehmen bei der digitalen Transformation zu unterstützen. Sie macht wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme gegen Ereignisse wie Pandemien oder klimabedingte Krisen widerstandsfähiger.

Ein Unternehmen zu digitalisieren – das hört sich oft so an, als wenn das mit dem Kauf von ein paar Computern, ein bisschen Software oder der Einführung eines Onlineshops erledigt wäre. Wovon genau sprechen Sie, wenn Sie von DER Digitalisierung sprechen?

 

Die Komplexität von Digitalisierung macht diesen Begriff natürlich schwer zu fassen. Digitalisierung ist ein stetiger Prozess – aus analog wird digital. Das betrifft sowohl die Unternehmensprozesse als auch die Produkte und Geschäftsmodelle. Der digitale Wandel im Sinne eines systematischen und strukturellen Veränderungsprozesses kann aus meiner Sicht durchaus mit kleinen Schritten wie der Anschaffung von Hardware beginnen. Digitalisierung bietet aber Potenziale in allen Bereichen eines Unternehmens. Was das im Einzelfall bedeutet, kann man am besten anhand von plakativen Beispielen zeigen. Die stellen wir beispielsweise auf unserer Plattform „Smarte Region Hessen“ vor.

Wodurch unterscheidet sich Südhessen in Sachen Digitalisierung von anderen Regionen des Landes? In welchen Bereichen sind wir aus Ihrer Sicht besonders stark aufgestellt?

Südhessen hat aus Tradition eine starke Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und hat es geschafft, diese Fähigkeit zu einem lebendigen, innovativen Ökosystem auszubauen. Die Region hat dadurch die besondere Kompetenz, Anwendungsbereiche in der Forschung sofort mitdenken zu können. Nicht umsonst ist Darmstadt beispielsweise Standort des Nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit ATHENE oder des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums, das eine Schnittstelle zwischen Forschung und Wirtschaft bildet und von Darmstadt aus KMU in ganz Hessen bei der Digitalisierung unterstützt. Die Digitalstadt Darmstadt entwickelt sich zudem seit dem Gewinn des Bitkom-Wettbewerbs zu einer Smart City. Das fördert das Land Hessen mit bis zu 5,2 Millionen Euro. Neben den zahlreichen hervorragend aufgestellten Unternehmen, die digitale Lösungen anbieten oder Vorreiter in der Nutzung sind, verfügt Südhessen mit der TU Darmstadt, dem Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung und den Fraunhofer Instituten SIT und IGD sowie den Gründerzentren über ein Netzwerk mit hoher Innovationskraft. Schwerpunkte liegen in fast allen Bereichen der Digitalisierung, insbesondere jedoch in Industrie 4.0, IT-Sicherheit und künstlicher Intelligenz. Deshalb haben wir uns auch dafür starkgemacht, dass das Hessische Zentrum für Künstliche Intelligenz nach Darmstadt kommt.

Die Entscheidung des Landes, das Hessische Zentrum für Künstliche Intelligenz in Darmstadt anzusiedeln, unterstreicht: In der Forschung und Anwendung von KI liegt großes Potenzial für unsere Region. Welche Relevanz hat KI als Standortfaktor?

KI ist einer der bedeutendsten Treiber für Innovation und entwickelt sich zur Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Sie können davon ausgehen, dass die Wachstumseffekte durch KI sogar die Effekte durch frühere bahnbrechende Innovationen wie die Dampfmaschine, die Industrieroboter und die Verbreitung der Informations- und Kommunikationstechnologie übertreffen werden – die zusätzliche globale Wertschöpfung soll bis 2030 bei 13 Billionen US-Dollar liegen. Das Land sieht hier große Chancen für den Standort Hessen. Es fördert das KI-Zentrum daher mit 38 Millionen Euro und richtet 20 zusätzliche Professuren ein. Dass das Zentrum von 13 Hochschulen unterschiedlichen Typs getragen wird, ist außergewöhnlich. Mit seinem Hauptstandort an der Technischen Universität Darmstadt, dem Nebenstandort an der Goethe-Universität Frankfurt und weiteren regionalen Standorten an den beteiligten Hochschulen stellt es eine bundesweit einzigartige Bündelung von exzellenter Forschung, Anwendungsorientierung und Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft dar.

Ist KI nur etwas für die großen Konzerne oder können auch KMU die Technologie für sich gut nutzen? Wie stellen Sie sicher, dass kleine und mittlere Betriebe direkt bei dem Thema mitgenommen werden und nicht hinterherhinken, weil ihnen die Mittel fehlen, um Know-how aufzubauen oder in die notwendige technische Ausstattung zu investieren?

KI ist nicht nur ein wichtiges Thema für große Konzerne, sondern auch für KMU. Gerade die sind aber beim Einsatz von KI häufig erst einmal mit großen Herausforderungen konfrontiert, zum Beispiel bei der Schaffung einer geeigneten Datenbasis, der Sicherstellung der notwendigen Datenqualität und bei datenschutzrechtlichen Fragen. Wichtige Unterstützung erhalten KMU in Hessen durch die KI-Trainer, die am Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Darmstadt angesiedelt sind und die Unternehmen befähigen, die Chancen und Herausforderungen von KI zu erkennen. Auch konkrete Anwendungsfälle setzen die KI-Trainer gemeinsam mit KMU um. Unser Förderprogramm Distr@l hingegen liefert die finanziellen Mittel dafür, dass gute Ideen auch umgesetzt werden können. Hier bestehen hervorragende Anknüpfungspunkte für KI.

Bis Ende 2020 haben wir innerhalb eines Jahres fast 30 Projekte über Distr@l gefördert und rund zehn Millionen Euro in die digitale Transformation investiert. Darauf bin ich wirklich stolz, denn das Programm haben wir mit seinen vier Förderlinien im ersten Jahr des Aufbaus des Digitalministeriums nicht nur angekündigt, sondern auch umgesetzt. Im Rahmen eines Sondervermögens haben wir zusätzlich die Möglichkeit, das Fördervolumen von 40 auf mindestens 80 Millionen Euro zu verdoppeln – zusätzliche Mittel, die wir insbesondere in Projekte stecken wollen, die im Zusammenhang mit Corona besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Neben den Aktivitäten der hessischen Landesregierung gibt es zahlreiche Initiativen auf Bundesebene, die den Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft im Fokus haben. Wollen Sie mit Ihrem Ministerium hier eine koordinierende Funktion einnehmen, um die Projekte für Hessen zu bündeln?

Das machen wir schon. Operativ ist das Digitalministerium zuständig für den gesamten Infrastrukturbereich: Mobilfunk, Breitband und die Regulierung. Zusätzlich koordinieren wir die Verwaltungsdigitalisierung, aber eben auch Zukunftsthemen wie KI. Dafür haben wir ein eigenes Referat geschaffen, das die Koordination übernimmt. Es behält die Aktivitäten des Hessischen Zentrums für KI im Blick sowie die des Hessischen Zentrums für verantwortungsbewusste Digitalisierung, das 2019 in Darmstadt gegründet wurde und das an der Schnittstelle von Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft agiert. Auch dieses Zentrum haben wir mitentwickelt und fördern es. Ebenso schaut unser Referat, was in den anderen Ressorts des Landes an KI-Aktivitäten läuft, um Synergien zu heben. Darüber hinaus prüft das Team, an welchen Stellen wir uns an Bundes- und EU-Ebene andocken können. So habe ich beispielsweise am KI-Weißbuch der EU mitgeschrieben und darauf gedrungen, dass wir Digitalisierung nicht nur in Produkten, sondern auch in Prozessen denken. Darüber hinaus setze ich mich dafür ein, dass in Hessen von der EU geförderte Innovationshubs entstehen. Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum, aber auch das neue House of Digital Transformation, ein Zusammenschluss von Digitalisierungsanwendern und -anbietern, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Politik, leisten einen wesentlichen Beitrag, damit neue Technologien auch in den Unternehmen ankommen.

Sie sagen, KI-Entwicklung soll sich an klaren ethischen Grundsätzen orientieren und das Zentrum für Künstliche Intelligenz deshalb eng mit dem Zentrum für verantwortungsbewusste Digitalisierung kooperieren. Was ist für Sie „verantwortungsbewusste“ Digitalisierung und auf welche ethischen Fragestellungen wollen Sie bei KI ein besonderes Augenmerk richten? Werden diese Fragestellungen gemeinsam mit der Wirtschaft beantwortet?

Wir erleben eine dynamische Entwicklung, die es aus meiner Sicht erforderlich macht, bereits in der Entwicklung von digitalen Technologien Werte und gesellschaftliche Normen zu berücksichtigen. Das kann nur gelingen, indem ein zielgerichteter, rationaler Umgang mit Werten in der Technikgestaltung ermöglicht wird und damit beispielsweise die Lücke zwischen den Ethikkodizes – von denen in den letzten Jahren ja eine Reihe gerade im KI-Bereich entstanden sind – und der praktischen Softwareentwicklung oder Produktentwicklung im Allgemeinen geschlossen wird. Hier müssen Wissenschaft und Wirtschaft zusammenkommen. Genau diesen Ansatz greift das Zentrum für verantwortungsbewusste Digitalisierung auf. Es treibt nicht nur den Wissenstransfer voran, sondern geht auch aktiv auf Unternehmen zu, um Anwendungskooperationen auf den Weg zu bringen und beispielsweise zu fragen: Was bedeutet Datensouveränität? Wie sicher muss mein Netz sein, damit ich als Unternehmen die Daten, die ich für mich behalten möchte oder muss, auch für mich behalten kann?

Fragen, die wir gemeinsam mit der Wirtschaft beantworten wollen, drehen sich nicht nur um Verantwortung und ethische Grenzen, sondern auch um Vertrauen. Was macht Vertrauen zwischen Mensch und Maschine aus? Das spielt zum einen bei der Produktentwicklung eine wichtige Rolle, denn nur, wer KI-gestützten Technologien vertraut, nutzt sie auch. Das spielt zudem eine Rolle, wenn man über die Digitalisierung von Arbeitswelten spricht. Der Rat für Digitalethik, der 2018 von der hessischen Landesregierung gegründet wurde, um ethische Aspekte der Digitalisierung im Interesse der Bürger*innen zu identifizieren, hat ein erstes Papier zu Arbeitswelten der Zukunft entwickelt. Das Thema wird uns noch intensiv beschäftigen – etwa, wenn es um die Frage geht, wie Unternehmen Vertrauen zwischen Mitarbeiter*innen und intelligenten Assistenzsystemen schaffen können.

Neben der Vermittlung von Know-how für die Entwicklung von KI-Innovationen und von Kompetenzen im Umgang mit KI ist es wichtig, Transparenz über die KI-Anwendung zu gewährleisten. Nur dann können Bürger*innen über die Nutzung von KI entscheiden und – und das ist mir eigentlich noch wichtiger – sich in den Diskurs, welchen Einsatz von KI wir als Gesellschaft wünschenswert finden, einbringen.

Die KI-Grundlagenforschung und vor allem die Verknüpfung von Forschung und Anwendung verspricht große Sprünge in der Digitalisierung. Die scheitert an manchen Orten aber schon an einer leistungsfähigen Infrastruktur. Das Land Hessen hat 2020 so viel Geld in den Breitbandausbau wie nie zuvor investiert, doch noch immer sind nicht alle Lücken geschlossen. Sicher geht es voran, aber: Geht es nicht ein wenig schneller? Wie wechseln wir auf die Überholspur?

Mit einem Budget in Höhe von 1,2 Milliarden Euro steuert mein Ministerium in bundesweit einmaliger Form die Digitalisierung eines Bundeslandes. Ein wesentlicher Teil des Geldes wird in den Ausbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur investiert. Damit befinden wir uns schon auf der Überholspur. An der flächendeckenden Verbesserung der Infrastruktur arbeiten wir intensiv: 270 Millionen Euro fließen in den Gigabitausbau, weitere 50 Millionen Euro ins Mobilfunknetz.

Nach aktuellen Angaben des Breitbandatlas befinden sich allein fünf der zehn bundesweit am besten mit schnellem Internet versorgten Landkreise bei uns in Hessen. Mit dem Hochtaunuskreis als Nummer 1 in Deutschland sowie den Landkreisen Fulda, Main-Taunus, Offenbach und Wetterau unter den besten zehn Landkreisen, dicht gefolgt vom Odenwaldkreis auf Platz 12, zeigen wir, dass wir den Ausbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur, vor allem im ländlichen Raum, mit Hochdruck zuverlässig vorantreiben.

Die Hessische Landesregierung arbeitet weiter mit Hochdruck am Ausbau. Nur der vollständige Glasfaser-Rollout kann die Basis für die wachsenden Anforderungen und Herausforderungen der Digitalisierung sein. Wir haben bereits 2018 die Gigabitstrategie für Hessen vorgestellt – die Bereitstellung gigabitfähiger Infrastrukturen soll bis 2025 erfolgen, der Ausbau mit flächendeckenden Glasfaseranschlussnetzen bis 2030. Hierbei muss ich allerdings betonen, dass wir das nicht im Alleingang erreichen können. Da ist zunächst der marktgetriebene Ausbau der Telekommunikationsunternehmen zu erwähnen, den wir nach Kräften unterstützen. Zum anderen das neue Gigabitförderprogramm des Bundes, ohne das wir nicht in die FTTB/H-Förderung einsteigen können. Hier hoffen wir, dass der Bund diese so schnell wie möglich starten kann.

Sie haben schon einige Projekte genannt, die Sie 2020 umgesetzt haben, auf die Sie besonders stolz sind. Gibt es weitere?

 

Das letzte Jahr war mit der Pandemie besonders herausfordernd, aber was unsere Projekte angeht auch sehr erfolgreich. Die Digitalisierung hat durch Corona einen besonderen Schub erfahren und wir konnten diesen für Hessen verstärken. Während wir den Vollaufbau des Digitalministeriums mit seinen mittlerweile drei Abteilungen und knapp 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abgeschlossen haben, haben wir, wie schon skizziert, parallel den Aufbau der Infrastruktur auf den Weg gebracht. Besonders stolz macht mich, dass es uns gelungen ist, innerhalb von zwei Jahren alle zehn Punkte des Mobilfunkpaktes, der im September 2018 geschlossen wurde, nicht nur zu erfüllen, sondern vorzuerfüllen. Außerdem verfügen inzwischen 61 Prozent der Schulen in Hessen über einen gigabitfähigen Internetanschluss. Damit hat sich die Zahl der Schulen mit Glasfaseranbindung mehr als verdoppelt.

Damit Senioren in Coronazeiten anschlussfähig bleiben, haben wir gemeinsam mit dem Sozialministerium im vergangenen Jahr 1,5 Millionen Euro in die Hand genommen, um Seniorenheimen 10.000 Tablets zur Verfügung zu stellen. Wir haben außerdem eine Kampagne gestartet, die Bürger zu mehr Eigeninitiative beim Erwerb digitaler Kompetenzen motivieren, um ihre digitalen Kompetenzen und ihre digitale Teilhabe zu stärken. Weil ehrenamtliche Arbeit ein wichtiger Grundpfeiler unserer Gesellschaft ist, hat es mich außerdem gefreut, dass wir ein eigenes Förderprogramm auflegen konnten, das ehrenamtliche Organisationen darin unterstützt, ihre Arbeit mittels Digitalisierung zu erleichtern. Wie schon erwähnt konnten wird darüber hinaus die Fördersumme von Distr@l auf mindestens 80 Millionen Euro verdoppeln. Das macht es zum umfangreichsten Förderprogramm für die digitale Transformation in der Geschichte Hessens. Und schließlich haben wir mit der Gründung des Hessischen Zentrums für Künstliche Intelligenz 2020 entscheidende Weichen für die Zukunftsfähigkeit des Standortes Hessen gestellt.

Welche Themen wollen Sie dieses Jahr weiter vorantreiben oder neu anstoßen?

Einen entscheidenden Schritt für die politische Gestaltung des digitalen Wandels gehen wir in diesem Jahr mit der Verabschiedung unserer neuen Strategie Digitales Hessen. Wir haben diese im letzten Jahr in einem völlig neuartigen Beteiligungsprozess mit den Ressorts des Landes, den Stakeholder*innen und den Bürger*innen erarbeitet und wollen die Potenziale der Digitalisierung damit noch besser heben. Außerdem wollen wir 2021 das Hessische Zentrum für künstliche Intelligenz aufbauen, die Professuren besetzen und mit Forschungsschwerpunkten belegen. Die digitale Transformation wollen wir stärken, indem wir Eigenverantwortung in der digitalen Arbeitswelt, aber auch an Schulen und Hochschulen in digitalen Lernwelten fördern. Den Breitband- und Mobilfunkausbau werden wir weiter massiv vorantreiben. Über unser Förderprogramm Distr@l wollen wir die Digitalisierung von Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft weiter unterstützen, zukunftsorientierte Produkte und Dienstleistungen in die Anwendung bringen sowie den Gründungsgedanken an den Hochschulen stärken. Zudem unterstützen wir weiterhin Unternehmen, die ihre Produktions- und Arbeitsprozesse digitalisieren wollen. Das alles mit dem Ziel, Hessen zum Silicon Valley Europas weiterzuentwickeln.

IHK: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Prof. Dr. Kristina Sinemus führten Dr. Daniel Theobald und Veronika Heibing von der IHK Darmstadt Rhein Main Neckar.