200 Jahre IHK Offenbach am Main – 200 Jahre Wandel

Gemeinwohl und Gesamtinteresse der regionalen Wirtschaft zählen

Seit 200 Jahren gibt es die IHK Offenbach am Main. Sie hat sich seitdem gewandelt. Trotzdem halten ihre Unternehmerinnen und Unternehmer an grundlegenden Werten bis heute fest. Für ein Interview mit der Offenbach-Post sprach Redakteur Achim Lederle mit IHK-Präsidentin Kirsten Schoder-Steinmüller.

Foto: IHK

1821 war das Gründungsjahr der Offenbacher IHK, der ersten im damaligen Großherzogtum Hessen. Was waren die Auslöser für die Gründung einer Dachorganisation der Händler und Kaufleute und in welchem politischen Umfeld passierte dies?

Entscheidend an einem Standort sind die handelnden Menschen, und das meine ich hier in mehrfacher Hinsicht. Die Übernahme der Stadt Offenbach durch das Großherzogtum Hessen 1816 bewirkte, dass der Spielraum für über die Region hinausgehende Handelsverbindungen, Arbeitsteilung oder Bevölkerungswachstum größer wurde. Trotz der desolaten Wirtschaftslage am Ende der napoleonischen Zeit zeichnete sich in Offenbach der Aufschwung ab. Offenbach war bereits die größte Industriestadt im Großherzogtum. Dies war den vorhandenen Strukturen der Industriezweige wie Textil, Leder, Tabak zu verdanken, aber auch der zentralen Lage mit Knotenpunkten von Verkehrswegen und Handelsstraßen.

Was für den Standort wichtig ist, erkannten die politischen Entscheidungsträger im Großherzogtum Hessen bereits 1819. Sie räumten der Stadt Offenbach Sonderrechte zur Förderung des Handels und der Industrie ein. Dazu gehörte, die vollständige Gewerbefreiheit und damit die Aufhebung des Zunftzwangs einzuführen. Gleichzeitig sicherten sie sich das Know-how der Unternehmer. Sie gaben vor, eine Handelskammer einzurichten, die die Vielfalt der Handelsleute – ohne Unterschied der Religion und Konfession – widerspiegeln sollte. Engagierte Unternehmer mit Eigeninitiative schlossen sich dann 1821 zur Gründung zusammen. Und zu den von der Regierung dann festgelegten Aufgaben gehörte, ihr Vorschläge zur Förderung von Handel und „Manufacturen“ zu unterbreiten und sie auf Handels- und Gewerbehindernisse aufmerksam zu machen. Aus meiner Sicht schon damals ein Bekenntnis dazu, dass eine breit angelegte Eigenverantwortung die gemeinsamen Interessen stärkt.

Der erste Präsident der Handelskammer, der Tabakwarenfabrikant Philipp Casimir Krafft, verstand sich als Ratgeber und Streiter für gemeinsame Interessen gegenüber der Regierung, aber ebenso als Verfechter für Freiheit von Handel und Gewerbe und zugleich als Wirtschaftsförderer.

Wie aus Ihrem Video zum Jubiläum hervorgeht, war Offenbach ja damals freigeistiger als das benachbarte Frankfurt und lockte viele kreative Unternehmer an. Könnten Sie diesen Umstand etwas erläutern?

Ein aufgeschlossenes Klima für wirtschaftliche Entwicklung bot guten Boden dafür, das Unternehmertum – zuvor gefördert durch das Fürstenhaus zu Isenburg – zu halten und weiter auszubauen.

Neben den auch damals schon relevanten harten Standortfaktoren wie Lage, Erreichbarkeit, finanzielle Voraussetzungen – über Offenbach konnte das teure Brückengeld in Frankfurt umgangen werden – war hier die Atmosphäre für Freigeist und Vielfalt historisch verankert. Diese zog schon die Hugenotten aus dem Ausland in die Region, weil sie hier nicht nur Zuflucht fanden, sondern ihre Ideen verwirklichen und dazu die passenden Partner gewinnen konnten.

Dabei waren und sind die Werte der ehrbaren Kaufleute – Vertrauen, Fairness, Verlässlichkeit – der Schmierstoff für gemeinsames Handeln. Der Typus des Offenbacher Wirtschaftstreibenden war aufgeschlossen und weltoffen, zupackend und hemdsärmelig mit abenteuerlich viel Kraft und Durchhaltevermögen.

Harter Sprung in die Gegenwart: Was bleibt von den Idealen von einst? Welche Tugenden des frühkapitalistischen Unternehmertums sind noch heute hilfreich und wichtig?

Chancen erkennen und ergreifen, Wagemut und Risikobereitschaft, Kreativität gepaart mit Pragmatismus, sich im Wettbewerb durchsetzen und auch in schwierigen Zeiten zuversichtlich bleiben: Das sind Tugenden, die damals wie heute Unternehmertum auszeichnen. Und nicht zuletzt einen Blick über die Grenzen des eigenen Unternehmens und Landes zu werfen, ist wichtig, um Ideen und Anregungen aufzunehmen sowie neue Geschäftspartner zu finden. Die sprichwörtliche „weltmännische Kaufmannsausbildung“, wie sie im 19. Jahrhundert üblich war, war ein Erfolgsfaktor und ist es heute noch.

Im Gespräch mit Herrn Bouffier bei der Jubiläumsveranstaltung forderten Sie nachdrücklich drei große „Ds“ von der Politik: nämlich mehr Dialog, mehr Digitalisierung und eine Unterstützung der dualen Ausbildung. Können Sie diese Forderungen konkretisieren?

Der Dialog mit der Politik steht für die IHK an erster Stelle, denn nur wenn wir zu wirtschaftsrelevanten Themen Argumente sachgerecht austauschen und gemeinsam nach Lösungen suchen, werden wir als Gesellschaft erfolgreich sein. Dazu brauchen wir eine gute Vertrauensbasis zwischen Politik und Wirtschaft, aber auch die Bereitschaft der Politik, uns Unternehmern empathisch zuzuhören und unsere Sorgen ernst zu nehmen.

Alles wird digitaler: Dienstleistungen, Produkte, Herstellungsprozesse. Arbeitsplätze werden mobil und ins Homeoffice verlegt. Technologien wie künstliche Intelligenz halten Einzug nicht nur in der Industrie, sondern in der Breite der Wirtschaft. Für uns ist wichtig, dass wir flächendeckend über eine leistungsfähige Breitband- und Mobilfunkinfrastruktur verfügen, dass der Umgang mit Daten zwar sicher, aber auch praktikabler werden muss und wir Zugang zu neuen Basistechnologien wie beispielsweise Quantencomputing erhalten.

Da wir heute genauso wie vor 200 Jahren vor großen Umbrüchen stehen, müssen wir die Menschen befähigen und qualifizieren, um gemeinsam den Wandel stemmen zu können. Dazu gehört der Erwerb digitaler Kompetenzen in allen Altersgruppen. Und selbstverständlich muss die berufliche Bildung attraktiv und zeitgemäß gestaltet werden, denn sie bildet das Rückgrat für die Leistungsfähigkeit der vielen mittelständischen Unternehmen.

Die Corona-Pandemie war und ist eine große Herausforderung für die Firmen in der Region. Wie kann die IHK die heimischen Unternehmer bei der Bewältigung der Pandemiefolgen unterstützen?

Wichtig für einen erfolgreichen Weg aus der Pandemie ist die Zuversicht der Unternehmerinnen und Unternehmer. Die höre ich in vielen Gesprächen. Sie wird gestärkt, wenn wir uns auf unser unternehmerisches Handeln konzentrieren und Ideen für die Zukunft entwickeln können. Überbordende Bürokratie, zunehmende Regulierung, zusätzliche Abgaben und Steuern, damit zeigen sich viele Unternehmen unzufrieden. Die IHK mahnt gestern wie heute die Politik, klare, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die die notwendigen Freiräume für verantwortliches Handeln bieten. Und so sehen wir uns als Unternehmerinnen und Unternehmer in der Verantwortung, dazu beizutragen, die Zukunft für Wirtschaft und Gesellschaft mitzugestalten.

Drei Aspekte, wie die IHK konkret ihre Unternehmen unterstützt, sind mir wichtig zu erwähnen:

Die IHK fördert Austausch und Kooperationen zwischen Unternehmen. Sie initiiert Forschungsverbünde wie die Future Factory. In diesem Innovationsnetzwerk unterstützen wir Unternehmen aktiv bei ihren Innovationsideen: zum Beispiel dabei Projektpartner oder Fördermöglichkeiten zu finden und zu realisieren. Wir bringen „Design“ als Innovationstreiber in die Unternehmen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Innenstädte und Ortskerne müssen auch in Zukunft lebendig sein. Hier beraten wir Akteure und bringen gemeinsam neue Projekte auf den Weg, um attraktive Lebens- und Erlebnisräume zu schaffen, so dass sich Menschen dort gerne wieder treffen und auch konsumieren.

Die IHK macht ihre Unternehmen fit für Zukunftsthemen. Sie berät zu finanziellen Förderprogrammen, um in die Digitalisierung und Nachhaltigkeit investieren zu können.

Abseits von Corona: Was sind die dringlichsten Aufgaben der IHK in den nächsten Jahren? Und – ein verwegener Griff in die Zukunft – wird es die IHK 2121 auch noch geben?

Die drei zentralen Herausforderungen werden die Digitalisierung, die Transformation zu einer CO2-neutralen Wirtschaft und der Fachkräftebedarf in einer sich unglaublich schnell wandelnden Arbeitswelt sein. Die IHK wird sich in diesen Themenfeldern für gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen einsetzen. Wir wollen weniger Regulierungen und staatliches Mikromanagement, sondern stattdessen mehr marktwirtschaftliche Anreize – auch in der Klimaschutzpolitik. Am Ende müssen wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, nicht nur in Stadt und Kreis Offenbach, sondern auch auf Bundes- und europäischer Ebene.

Ich bin optimistisch, dass der Geist der „Offenbacher Macher“ auch zukünftig die Region voranbringen wird. Und ich bin überzeugt, dass es die IHK auch in den nächsten 200 Jahren noch geben wird, denn wir setzen auf einen solidarischen, am Gemeinwohl und am Gesamtinteresse der regionalen Wirtschaft orientierten Ansatz. Das ist unsere Stärke!

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