Aufbruch in die Selbstständigkeit

Es gibt wichtige Zutaten, aber kein Standardrezept

Bernd Eckmann und Holger Winkler beraten in der IHK Offenbach am Main Menschen, die ein Unternehmen gründen möchten. Es geht dabei zum Beispiel um Geschäftsideen, Businesspläne, Stellungnahmen, Finanzierungen und Förderungen.

Holger Winkler (l.) und Bernd Eckmann (r.) sind Existenzgründungs-Berater in der IHK Offenbach am Main. Beim Gründertag am 16. März 2019 stehen sie ebenso wie weitere Experten zu Gesprächen bereit. Foto: Arens-Dürr/IHK

Woran muss ein „Gründungswilliger“ zuallererst denken, wenn er seinen Aufbruch in die Selbstständigkeit plant, und warum muss er das tun?

Eckmann: Er sollte sich einer selbstkritischen Prüfung unterziehen, worin genau seine Kernkompetenz besteht. Das heißt, welche Fähigkeit, welches Wissen, welche Erfahrung bildet das Rüstzeug für seinen Aufbruch in die Selbstständigkeit. Egal welches Produkt oder welche Dienstleistung man anbieten möchte, auf welchen Märkten auch immer. Es muss eine substanzielle Kernkompetenz vorhanden sein, die als Motor der Selbstständigkeit den nötigen Anschub gibt, um erfolgreich sein zu können.

Winkler: Man muss die Familie erwähnen, die hinter der Selbständigkeit stehen sollte. Denn besonders am Anfang ist der Zeitaufwand enorm hoch und das Einkommen gering.

Was darf auf keinen Fall unterschätzt werden?

Eckmann: Man braucht schon auch einen langen Atem und Durchhaltevermögen. Existenzgründung ist kein Selbstläufer. Kundenwünsche können sich anders entwickeln als anfangs gedacht, darauf muss man reagieren können.

Welche Schwierigkeiten sind typisch für die erste Zeit nach der Existenzgründung?

Eckmann: Oft ist die Kapitaldecke noch dünn und es können Liquiditätsprobleme auftauchen. Ein guter Kontakt zu den Banken ist da wichtig. Im Tagesgeschäft kommen Themen wie strategische Planung oft zu kurz. Wohin soll die Reise gehen? Wie will man das Geschäft weiterentwickeln? Solche Fragen darf man nicht aus den Augen verlieren.

Was hilft, diese Hürden zu nehmen?

Eckmann: Eine gründliche Planung im Vorfeld ist wichtig. Als IHK-Berater fallen mir als Erstes unsere Netzwerke ein. Die Kernkompetenz bringt der Existenzgründer selbst mit, aber das ganze Beiwerk, wie: Welche Rechtsform passt am besten, welche Fördermöglichkeiten gibt es, und was kommt an Steuern auf mich zu? Für solche Fragen gibt es die IHK-Beratung und die unserer Netzwerkpartner. Die Hürden werden kleiner und lassen sich leichter und schneller nehmen, wenn man sich fachlichen Rat einholt.

Gibt es ein Rezept, damit eine Gründung zu dauerhaftem unternehmerischen Erfolg führt?

Eckmann: Ich fürchte, ein Erfolgsrezept gibt es nicht. Dazu variieren die einzelnen Zutaten zu sehr, je nachdem, welches Erfolgssüppchen man sich kochen möchte. Nach meiner Einschätzung haben die Geschäftsideen die meiste Aussicht auf Erfolg, die aus solider beruflicher Erfahrung und genauer Marktbeobachtung entstehen. Man sollte nur durchtrainiert an den Start gehen. Um im Bild zu bleiben: Wer sich einen 10.000- Meter-Lauf vornimmt oder gar einen Marathon, aber körperlich völlig untrainiert ist, der kann es nicht ins Ziel schaffen. Genauso verhält es sich mit dem unternehmerischen Erfolg. Er wird sich nicht einstellen, wenn man z. B. ein Gewerbe anmeldet und sich erst dann überlegt, dass man eigentlich zuerst eine Weiterbildung machen müsste, um für die Dienstleistung qualifiziert zu sein, die man anbieten will.

Winkler: Erfolgreich ist nur derjenige, der nicht stehen bleibt und sein Handeln den Herausforderungen immer wieder neu anpasst. Man sollte den Wettbewerbern immer eine Nase voraus sein.

www.ihk-gruendertag.de

Bis das Geld von alleine kommt

Sven Barthel war unter anderem in einer Privatbank angestellt, hat den 150-köpfigen Kundenservice eines international agierenden Handels-unternehmens geleitet, sich intensiv der Prozessoptimierung gewidmet und in einem Start-up gearbeitet. Seit 2018 konzentriert er sich ganz auf die Entwicklung seines eigenen Geschäfts. Wenn alles klappt, verwirklicht er sich damit den Traum vom „Passive Income“.

Auf die Idee vom Einkommen, das irgendwann ohne Arbeit sprudelt, ist er in den USA aufmerksam geworden. „Der Aufwand ist zuerst sehr hoch, aber dann läuft es von selbst. Das wollte ich ausprobieren“, sagt er.

„Ich war immer schon sehr internet-affin, an Daten und deren Analyse interessiert“, erklärt der 57-Jährige. Er ist ausgebildet in Lean Six Sigma, einem Managementsystem zur Prozessverbesserung, das zugleich eine Methode des Qualitätsmanagements ist. Vor diesem Hintergrund startet er im Online-Handel. „Vor zwei, drei Jahren war das noch super einfach, aber inzwischen sind die Märkte umkämpfter“, weiß Barthel. Schon 2017 reduzierte er seine Arbeitszeit, um einen Tag pro Woche für gründliche Recherchen und Planungen zu haben. 2018 kündigte er, ließ sich in der IHK Offenbach am Main beraten, schrieb einen Businessplan und beantragte einen Gründungszuschuss. IHK-Existenzgründungsberater Bernd Eckmann erinnert sich: „Ich war von seinem Konzept und Know-how begeistert.“

Der Gründer wird sein Projekt im ersten Schritt per Fulfillment by Amazon (FBA) angehen. „Ich habe mich als Händler angemeldet. Über eine Software mit einer Schnittstelle zu Amazon habe ich seitdem die Möglichkeit, Produktdaten auszuwerten. Was verkauft sich gut? Welcher Preis ist angemessen? Was loben, was kritisieren die Käufer in den Bewertungen? Die Daten lassen sich nach diversen Parametern filtern. Ich habe interessante Artikel ausgewählt und am Ende 20 Produkte auf eine Liste gesetzt. Persönliche Vorlieben müssen dabei ausgeblendet werden. Es geht nur um die Zahlenkriterien. Fünf bis sieben Produkte am Markt zu betreuen, halte ich für ein realistisches Ziel“, sagt Barthel. Interessant sind für ihn einfache, wenig erklärungsbedürftige Produkte mit geringem Risiko. Was klein und leicht ist, verursacht zudem weniger Transportkosten.

Für den ersten Versuch hat er Kontakt zu chinesischen Herstellern aufgenommen, ein Bilderrahmen-Set in Auftrag gegeben und mit einem eigenen Markenzeichen versehen lassen. Mit einer Stückzahl von 500 hält er die Kosten überschaubar. Die Verpackung ist schlicht und dadurch gleichzeitig umweltfreundlich. Verkauft es sich gut, wird er nachordern. Eine Kontrollagentur prüft die Ware noch in Asien vor dem Verschiffen. Sobald sie in Europa ankommt, wird sie von Amazon entgegengenommen und eingelagert.

Der Gründer hat Ideen, wie sein Angebot auf die zweite oder noch besser auf die erste Seite der Amazon-Treffer gelangen soll. Auch Marketingmaßnahmen in sozialen Netzwerken plant er. „Alles, was ich jetzt lerne, hilft mir für die weiteren Produkte. Beim nächsten Mal geht alles schneller“, ist er sicher. Andere Verkaufsplattformen zu nutzen oder einen eigenen Online-Shop, kann er sich für die Zukunft vorstellen.

Barthel verfügt nun frei über seine Zeit. Seine Aufgaben und seinen Arbeitsalltag hat er klar strukturiert. „Der Plan steht jeden Morgen. Ich nutze mein Projektmanagement-Wissen und ein ‚Kanban-Board‘ zur Einteilung der Aufgaben. Das heißt nicht, dass ich acht Stunden am Stück arbeite. Mich überzeugt die ‚Pomodoro-Technik‘. Sie unterteilt die Arbeitszeit in 25-Minuten-Abschnitte und kurze Pausen“, erklärt er. Ende März 2019 soll der Verkauf starten. Für das dritte Quartal 2019 strebt Barthel den sogenannten Break-even Point an. Mit anderen Worten, die Einnahmen sollen zu diesem Zeitpunkt die getätigten Investitionen überschreiten.

Das Beispiel zeigt: Der Aufbruch in die Selbstständigkeit erfordert viel Wissen, intensivste Planungen und angemessene Investitionen. Bis zum „Passive Income“ ist es ein weiter Weg.

Autorin:

Birgit Arens-Dürr
Telefon (069) 8207-248
arens@offenbach.ihk.de