Wie werden wir zukünftig zusammenarbeiten?

Trotz aller Veränderungen ein Team bleiben

2020 wurde nicht nur unser Privat-, sondern gerade unser Berufsleben auf den Kopf gestellt. Wir haben uns an Homeoffice, mobiles Arbeiten, Videokonferenzen oder neue Arbeitszeitmodelle gewöhnt. Was davon werden wir behalten?

Kollege allein im Büro – wenn weiterhin viele Mitarbeiter mobil arbeiten, verändert das unser soziales Arbeitsleben und unsere Kommunikation. Foto: Yakobchuk Olena – stock.adobe.com

Mike Pfannemüller

ist als Sachgebietsleiter Transport im Unternehmen LSG Sky Chefs in Frankfurt für rund 380 Mitarbeiter verantwortlich. Als Referent vermittelt er sein Fachwissen zu Personal- und Führungsthemen in Weiterbildungsseminaren der IHK Offenbach am Main. Im Interview erklärt er, welche Chancen und Risiken mit den coronabedingten Veränderungen für unsere zukünftige Arbeitswelt verbunden sind.

Vor Corona haben viele von uns ein Drittel des Tages mit ihren Kollegen verbracht. Was bedeutet es für den einzelnen Mitarbeiter, wenn berufliche Kontakte deutlich abnehmen?

Ja, das ist richtig. Ein großer Teil unseres Tagesablaufes hat sich verändert und damit gleichzeitig viele unserer sozialen beruflichen Kontakte. Hier gilt es ganz besonders für uns als Führungskräfte aufzupassen, dass keiner unserer Mitarbeiter in eine, nennen wir es mal „soziale Isolation“, verfällt. Denn für viele Mitarbeiter ist der Arbeitsplatz eben nicht nur ein Ort des Geldverdienens, sondern auch ein Ort, um Kontakte zu pflegen. Aus Kollegen werden nicht selten Freunde. Dies darf man im Hinterkopf behalten, wenn man den betrieblichen Alltag digitalisiert.

Wie wirkt sich die räumliche Distanz auf die Zusammenarbeit im Team aus?

Hier sind unter anderem zwei Entwicklungen wahrzunehmen: Einerseits ist die räumliche Distanz eine riesige Herausforderung für die Zusammenarbeit. Es besteht die Gefahr, dass betriebliches Know-how, Wissen über Prozesse und Abläufe verloren geht oder in Vergessenheit gerät. Auf der anderen Seite sieht man sehr viel Eigeninitiative bei den Kollegen, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Weil die gemeinsame Zeit so knapp geworden ist, steigt die Wertschätzung füreinander. Man freut sich einfach, sich mal wieder zu sehen.

Was hilft, damit man sich und die gemeinsamen Unternehmensziele nicht aus den Augen verliert?

Alles, was im klassischen Change Management beschrieben wird, ist hier sehr hilfreich. Man darf den Mitarbeiter, welcher zu Hause sitzt, nicht vergessen und muss ihn an Veränderungen teilhaben lassen. Betroffene zu Beteiligten zu machen, ist heute wichtiger denn je. Das lässt sich zum Beispiel durch regelmäßige Meetings sicherstellen, durch Kommunikation per Newsletter, über Prozessbeschreibungen, die digital nach Hause gesendet werden, aber nicht zuletzt auch einfach durch den Anruf des Vorgesetzten. Es ist hilfreich, eine vertrauenswürdige Arbeitsbasis zu schaffen, auf der betriebliche Notwendigkeiten mit Fakten belegt werden.

Wie gelingt Führen, wenn mehr im Homeoffice gearbeitet wird?

Ob das Führen aus dem Homeoffice beziehungsweise im Homeoffice funktioniert, hängt unter anderem von der Unternehmenskultur ab und davon, welche Art der Führung vor Ort im Unternehmen oder in einer Abteilung gelebt wird. Generell finde ich es wichtig, dass Mitarbeiter kurzfristige, mittelfristige und langfristige Ziele des Unternehmens und der Abteilung kennen und nicht zuletzt die eigenen im Blick behalten. Einen abgestimmten Arbeitsauftrag mit Zielinhalt, Zielausmaß und einem zeitlichen Bezug erachte ich als gute Basis.

Wie viel Vertrauen ist gut? Wie viel Kontrolle muss sein?

Auch hier ist der Ort meiner Tätigkeit für die Art der Führung aus meiner Sicht nicht hauptsächlich ausschlaggebend. Wie viel ich Mitarbeiter kontrollieren muss, hängt vom Reifegrad, der Entwicklung des Individuums und des Teams ab. Generell sollte die Führungskraft beobachten, ob vereinbarte und abgestimmte Ziele eingehalten werden.

Wie verhindert die Führungskraft, dass Mitarbeiter an der Selbstorganisation scheitern und abgehängt werden?

Die Führungskraft kann nicht alles verhindern und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie sollte als Ansprechpartner und Ratgeber zur Verfügung stehen, sollte individuell sehen, welcher Mitarbeiter welche Handlungsfelder hat. Hier darf Unterstützung angeboten werden.

Das Onboarding, also die Integration neuer Kollegen, ist ein wichtiges Thema. Wie funktioniert es, wenn Teams kaum noch vollzählig zusammenkommen?

Das Onboarding ist eine besondere Herausforderung in diesen Zeiten. Über digitale Plattformen ist es jedoch nicht ausgeschlossen, dass sich neue Mitarbeiter und ein bestehendes Team kennenlernen. Entscheidend ist, dass bestehende Regeln zu gruppendynamischen Prozessen auch digital Bestand haben.

Was lässt sich für die interne Kommunikation aus der Pandemie-Situation lernen?

Auch hier gibt es kaum Veränderungen zu vor der Pandemie. Ein wichtiges Ziel der internen Kommunikation ist es, durch möglichst viel Transparenz die Basis für eine gute Zusammenarbeit und für eine lernende Organisation zu liefern. Das war schon vor Corona sehr wichtig. Heute sehen Unternehmen aber deutlicher, wenn sie in der innerbetrieblichen Kommunikation bereits vor Corona Handlungsfelder hatten. Sie dürfen sich heute nur auch der neuen und modernen Medien bedienen, damit sie Mitarbeiter zu Hause erreichen. Wichtig ist, dass wir unsere Mitarbeiter nicht zu Hause alleine lassen. Sie benötigen weiterhin eine Plattform zum regelmäßigen Austausch.

Welche neuen Kanäle werden wir weiter nutzen? Auf welche können wir verzichten?

Die temporär veränderten Rahmenbedingungen haben unsere persönlichen Bedürfnisse nicht verändert. Es wird aber gerade deutlich, wo Führungskräfte oder Unternehmen eventuell den ein oder anderen Nachholbedarf haben. Die Befriedigung von Grundbedürfnissen, die Sicherheit, dass diese morgen auch noch erfüllt werden, die Möglichkeit, sich sozial auszutauschen, aber nicht zuletzt auch Wege, sich weiter zu verwirklichen, müssen nach wie vor Bestand haben.

Wenn in der Pandemie-Situation Prozesse und Abläufe sozusagen zwangsweise und beschleunigt digitalisiert wurden, bietet das Chancen für und in die Zukunft. Veränderungen, die zu mehr Effizienz oder sonstigen positiven Effekten geführt haben, sollten wir natürlich übernehmen und ausbauen.

Wir dürfen gleichzeitig nicht vergessen, dass hinter jedem digitalen Medium ein individueller Charakter mit ganz eigenen Erfahrungen, ganz eigenen Erlebnissen aus der Vergangenheit, ganz eigenen Bedürfnissen und möglicherweise ganz eigenen Ängsten sitzt. Es ist aus meiner Sicht die Aufgabe der Führungskraft, ihr Team zu motivieren und mitzunehmen, Handlungsfelder jedes Einzelnen zu erkennen und gemeinsam mit ihm zu bearbeiten.

Die Fragen stellte Birgit Arens-Dürr, IHK Offenbach am Main