Wie die Digitalisierung auf die Arbeitswelt wirkt

Der Wandel birgt viele Chancen

Die Digitalisierung verändert das Berufsleben nachhaltig. Beschäftigte können flexibler arbeiten, sagt Bildungsexperte Thomas Süsser von der IHK Offenbach am Main im Interview zum Thema Zukunft der Arbeit. Reinhold Stegmayer, Geschäftsführer beim Perücken-Spezialisten Lofty aus Rodgau, preist das neue Berufsbild des Kaufmanns für E-Commerce an: „Wir züchten unseren eigenen Nachwuchs im Digital-Bereich heran.“

Die Trends heißen Globalisierung, demografischer Wandel und vor allem Digitalisierung. Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?

Süsser: Die Komplexität der Tätigkeiten von Arbeitnehmern nimmt immer mehr zu. Daraus entstehen neue Anforderungen, zum Beispiel durch neue Vertriebswege. Aber auch durch die Digitalisierung. Künftig ist man in der Lage, von überall zu arbeiten. So ändern sich die Arbeitsweisen. Das bringt Vorteile.

Welche sind das?

Süsser: Beschäftigte können flexibler arbeiten. Erreichbarkeit und Flexibilität spielen beispielsweise im Homeoffice eine große Rolle. Das bringt Vorteile für Menschen, die Kinder erziehen. Auch für jene, die an Betreuungszeiten gebunden sind.

Und für den Arbeitgeber?

Süsser: Den Beschäftigten werden Freiräume zugestanden. Man vertraut darauf, dass die Mitarbeiter Leistung erbringen wollen. Es ist zunehmend nötig, dass die Beschäftigten über den Tellerrand schauen, um die immer komplexer werdenden Aufgaben in interdisziplinären Teams zu bearbeiten.
Vertrauen ist ein Stichwort. Wie kann man davon ausgehen, dass das Vertrauen gewahrt wird?

Süsser: Bei der IHK leben wir eine Vertrauensarbeitszeit. Die Mitarbeiter haben die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten. Dazu ist es möglich, von zu Hause aus zu arbeiten. Die IHK vertraut den Mitarbeitern.

Für die IHK Offenbach am Main äußerte sich Bildungsexperte Thomas Süsser zu den derzeitigen und zukünftigen Veränderungen in der Arbeitswelt. Foto: Linke/IHK

Arbeiten die Kollegen nicht länger, wenn man ihnen Vertrauen entgegenbringt?

Süsser: Das würde ich nicht sagen. Es geht vielmehr darum, die Ziele zu erreichen und die Aufgaben zu erledigen. Es steht nicht mehr im Vordergrund, morgens ein- und abends auszuchecken. Vielmehr werden immer mehr Kreativität und neue Lösungsansätze im Mittelpunkt stehen.

Wie kann die regionale Wirtschaft angesichts der Globalisierung wettbewerbsfähig bleiben?

Süsser: Fachkräfte müssen fit gemacht werden, um sich auf die neuen Anforderungen vorzubereiten. Das fängt in der Ausbildung an. Es gibt neue Berufe. Kaufmann für E-Commerce ist einer davon. Die Anforderungen der Digitalisierung fließen aber auch in andere Jobs ein. Ein Industriemechaniker muss auch Ahnung von Datenschutz haben. Auch Unternehmen müssen den Mitarbeitern Freiräume bieten, damit diese ihre Kreativität einbringen können.

Herr Stegmayer, was macht ihre Firma Lofty?

Stegmayer: Lofty ist ein Spezialist für Perücken. Unser Unternehmen gibt es seit über 45 Jahren. Die Idee bei der Gründung war, Perücken nicht nur über Geschäfte, sondern auch über den Versand zu verkaufen. Das lief zunächst über den Katalog. Unser Stammsitz ist in Darmstadt, die Zentrale sitzt in Rodgau. Wir haben zehn Geschäfte. Zudem machen wir über 250 Hotel-Verkaufsveranstaltungen im Jahr und sind seit Jahren auch mit einem Onlineshop vertreten. Lofty produziert nur selbst, deshalb können wir beste Qualität zu günstigen Preisen verkaufen. Wir arbeiten mit allen bundesweiten Krankenkassen zusammen, so dass die Kundin ihre Perücke auf Rezept kaufen kann. Wir sind ein Mittelständler mit etwa 70 Mitarbeitern. In den letzten Jahren ist der Online-Bereich immer stärker geworden. Die Digitalisierung hält jetzt auch bei den Spezialisten Einzug.
Deshalb setzen Sie auf den neuen Beruf des Kaufmanns für E-Commerce.

Stegmayer: Bisher haben wir Quereinsteiger im E-Commerce- Bereich beschäftigt. Nun bilden wir unseren eigenen Nachwuchs seit diesem Sommer auch im Digital-Bereich selbst heran.

Was lernt man in dem Beruf?

Stegmayer: Der Schwerpunkt liegt auf der Vermarktung des Online-Bereichs – sei es im eigenen Shop oder auf Verkaufsportalen. Zudem geht es um eine sehr enge interne Kommunikation mit den Fachbereichen, wie Einkauf, Lager, Kundenservice. Es geht auch darum, Neukunden für Online zu generieren. Ein Berufsbild mit vielen Facetten. Dank der starken Initiative unseres Verbandes BEVH (Bundesverband E-Commerce und Versandhandel e.V.) und der tatkräftigen Unterstützung durch die IHK gibt es nun endlich dieses Berufsbild. Es war längst überfällig.

Wie sieht es in anderen Jobs aus?

Süsser: Es werden auch bestehende Berufsbilder mit neuen Anforderungen ergänzt. So gab es im vergangenen Jahr eine komplette Neuordnung der Elektro- und Metallberufe. Die Bereiche Digitalisierung der Arbeit, Datenschutz und IT-Sicherheit sind dazugekommen.

Herr Stegmayer, ist das neue Berufsbild eine Herausforderung für Ihre Firma?

Stegmayer: Es ist eine Herausforderung, die wir sehr gerne annehmen. Das neue Berufsbild muss schließlich in das Unternehmen integriert werden. Bei den Bewerbungen habe ich festgestellt, dass vielen gar nicht bewusst ist, wie komplex und anspruchsvoll die Anforderungen an das Berufsbild sind und wie viele Chancen man durch die enge Verzahnung mit anderen Fachbereichen, wie Einkauf, Kundenservice und Lager, erhält. Am 1. August 2019 hat eine junge Dame bei uns angefangen.

Süsser: Im IHK-Bereich gibt es sieben Kaufleute für E-Commerce, die angefangen haben. Die Kaufleute aus dem südlichen Rhein-Main-Gebiet gehen in Bensheim zur Schule.

Stegmayer: Das Berufsbild ist umfassend, für alle Branchen, die mit Online zu tun haben – ob Versand-, Groß- und Einzelhandel oder Industrie.

Welche Folgen hat die Digitalisierung für die Zukunft der Arbeit?

Süsser: Datenschutz und IT-Sicherheit werden in alle Berufsbilder Einzug halten. Zudem wird es Zusatzqualifikationen auch in anderen Ausbildungsberufen geben. In Zukunft wird das Thema lebenslanges Lernen eine große Rolle spielen, gerade wegen der Anforderungen der Digitalisierung und den komplexer werdenden Aufgaben.

Muss der Beschäftigte künftig länger arbeiten?

Stegmayer: Ich muss entschieden sagen: nein. Es wird ein flexibles, bewussteres Arbeiten sein. Das sind die Vorteile, die die Digitalisierung mit sich bringt. Schließlich kann man von überall arbeiten. Deshalb kann man seine Arbeitszeit freier einteilen. Dieses dem Beschäftigten entgegengebrachte Vertrauen kann man über vereinbarte Ziele kontrollieren. Diese Flexibilität muss auch der Mittelstand einbringen.

Reinhold Stegmayer ist Geschäftsführer beim Perücken-Spezialisten Lofty aus Rodgau. Seit diesem Sommer bildet sein Unternehmen erstmals eine Kauffrau für E-Commerce aus. Foto: Linke/IHK

Führt das nicht zu Mehrarbeit?

Stegmayer: Nein, weil es Zeiten gibt, in denen man nicht arbeitet. Das ist das Schöne an der flexiblen Arbeitswelt. Gerade Frauen können das Familienleben mehr einbringen. Die Digitalisierung bietet große Chancen.

Süsser: Die Mitarbeiter fordern das schon heute ein. Wenn eine Firma nichts Entsprechendes bietet, hat sie Nachteile gegenüber anderen Unternehmen.

Stegmayer: Dem Bewerber geht es darum, wie er Privat- und Berufsleben verbindet. Das hat bisher die großen Firmen betroffen, jetzt wird es auch für die kleinen immer interessanter.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Spielen die klassischen Arbeitszeitmodelle noch eine Rolle?

Stegmayer: Sie sind noch da, sie spielen aber nicht mehr so eine große Rolle. Auch unsere Firma weicht dieses Thema immer mehr auf. Der Mitarbeiter soll seine Familie betreuen, aber dann seine Arbeit machen.

Wir wirkt sich die Automatisierung auf die Zukunft der Arbeit aus?

Stegmayer: Wegen der Automatisierung werden keine Arbeitsplätze abgebaut. Sie bietet vielmehr Chancen für Freiräume. Eine Firma kann so schneller auf Kundenwünsche reagieren. Die Automatisierung ist kein Nachteil. Sie bietet eher Chancen.

Die Fragen stellte der Wirtschaftsjournalist Marc Kuhn.