Reservisten finden, Unternehmensmitarbeiter qualifizieren

Berufsbezogene Weiterbildungen
mit der Bundeswehr

Die Bundeswehr will mehr Reservisten gewinnen – qualifizierte Fach- und Führungskräfte aus fast allen Branchen. In einem nationalen Pilotprojekt prüft das Landeskommando Hessen, ob berufsbezogene, duale Weiterbildungen helfen können, dieses Ziel zu erreichen. Dazu befragt es gemeinsam mit den IHKs Unternehmen.

(V.l.n.r.) Das Gespräch führten der Oberstleutnant der Reserve und Kommunikationsberater Tilman Engel aus Frankfurt, der Managing Director der Firma SBC International und Oberstleutnant a. D. Christian Keimer, Aviation-Consultant aus Bruchköbel und zugleich stellvertretender Leiter des Kreisverbindungskommandos Main-Kinzig-Kreis, Dr. Achim Knips, IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, sowie Oberstleutnant Alexander Sauer vom Landeskommando Hessen. Foto: IHK

Im Interview erläutern die beiden Unternehmer und Reservisten Tilman Engel aus Frankfurt und Christian Keimer aus Bruchköbel, der zudem der neue Präsident des Verbandes der Reservisten in Hessen ist, mit Oberstleutnant Alexander Sauer vom Landeskommando Hessen die Hintergründe des Pilotprojekts.

Herr Sauer, viele Arbeitgeber stellen ihre Mitarbeiter nicht gerne als Reservisten frei. Ich unterstelle, dass kein Mangel an gesellschaftlichem Bewusstsein vorliegt. Woran liegt es?

Sauer: In der Tat kann kein Unternehmen auf Dauer erfolgreich bestehen, wenn es nicht auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachkommt. Andererseits stehen alle Unternehmen im Wettbewerb und sie müssen sich deswegen sehr genau überlegen, wozu sie ihre Mitarbeiter einsetzen. Das ist ein Gegensatz, mit dem die Bundeswehr seit Langem leben muss.

Wir wollen neue Wege beschreiten, indem wir den Unternehmen und ihren Mitarbeitern einen echten Mehrwert anbieten – eine duale Weiterbildung als Reservist. Dieser Fokus auf den praktischen Nutzen für die Reservisten und ihre Arbeitgeber ist neu. Andere westliche Armeen sind an dieser Stelle schon weiter. Das Pilotprojekt, die Umfrage ist als Initialzündung gedacht, soll Netzwerke und Wirtschaft enger miteinander verknüpfen.

Engel: Wir betreuen ein Pilotprojekt, das aktuell beispielhaft in Hessen läuft. Wir wollen in einem eher kleineren Flächenland herausfinden, welche Maßnahmen bundesweit geeignet sind. Hessen und der Kreis Offenbach bilden dafür mit ihrer Wirtschaftsstruktur den idealen Boden.

Keimer: Lassen Sie mich den Aspekt anderer westlicher Länder und die dort zu beobachtende engere Verzahnung von Armee und Unternehmen noch einmal aufgreifen. In Deutschland gilt viel zu oft noch die Vorstellung einer kostenfreien Bildung für alle – von der Schule bis hin zum Studium. Aber dies ist eine Illusion, schließlich bezahlt immer irgendwer. Berufliche Weiterbildungen jedoch kosten die Teilnehmer seit jeher nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Häufig investieren die Arbeitnehmer hierzulande selbst in ihre Weiterbildung. Ich habe mich über die Bundeswehr schon mehrfach weitergebildet, und ich schätze es als Berater sehr, dass ich in dieser Zeit von der Bundeswehr angemessen bezahlt wurde. Reservist zu sein, bedeutet nicht, wirtschaftlichen Verzicht zu üben.

Sauer: Die Bundeswehr ist heute eine Hoch-technologie-Streitmacht, in der Soldaten und Soldatinnen aller Altersgruppen erfolgreich Dienst leisten, je nach ihren Fähigkeiten. Aufgrund von Ausbildungen, Einsätzen und persönlichen Gegebenheiten sind zahlreiche Stellen nur teilweise oder gar nicht besetzt. Hier können ausgebildete Reservisten zum Einsatz kommen – für wenige Tage bis hin zu mehreren Monaten. Lassen Sie mich eines festhalten: Es geht der Bundeswehr nicht darum, Personallücken zu füllen. Über verbesserte Kontakte zur Wirtschaft soll gezielt ein sinnvoller Personal- und Ausbildungskreislauf in Gang gesetzt werden.

Wie wollen Sie die Bundeswehr und die Unternehmen in der Region
besser miteinander verzahnen? Was haben Sie konkret vor?

Sauer: Zunächst die Unternehmen der Region mit den passenden Dienststellen und Ausbildungsstandorten zu verbinden – das ist das Ziel. Wenn eine Baufirma aus dem Kreis Offenbach Weiterbildungsbedarf hat und dabei zum Beispiel an das Ausbildungszentrum für Pioniere in Ingolstadt denkt, sind wir schon ein deutliches Stück weiter. Nebenbei bemerkt: In diesem Zentrum werden alle Bauberufe abgedeckt. Ähnliches ist in Sparten wie Logistik und IT in einem ersten Schritt denkbar.

Keimer: Ja, das ist für die moderne Bundeswehr sehr wichtig. Wir wollen direkte Beziehungen von Unternehmen zu denjenigen Truppenteilen herstellen, mit denen eine Win-win-Situation möglich ist. Ich denke da zum Beispiel an das zukunftsstarke Feld Internet und Telekommunikation – kurz: IT. Wirtschaft und Bundeswehr sind doch, was Cyberattacken angeht, längst beide betroffen. Als Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt Aviation und Drohneneinsatz kenne ich mich damit sehr gut aus. Im zivilen Leben versuche ich gerade im Auftrag von Krankenhäusern, den Transport von Blutkonserven oder Spenderorganen in Ballungsräumen zu verbessern. Wir wollen dafür Drohnen einsetzen. Cyberattacken dürfen in einem so sensiblen Bereich nicht vorkommen.

Engel: Ich möchte einen weiteren Aspekt beleuchten: Noch immer gehen viele Menschen davon aus – auch immer wieder bei mir –, dass Reservisten in Kampfeinheiten als Mannschaftsdienstgrade eingesetzt werden. Das ist nicht zutreffend. Die Bundeswehr benötigt qualifizierte Reservisten, die auch verantwortlich in Stäben Verwendung finden. Aus meinen Einsätzen in Afghanistan weiß ich aus erster Hand, wie wichtig Beratungen in interkultureller Kompetenz für die Bundeswehr sind. Es geht bei unserer Reservistensuche um echte Kompetenz, die wir nach Möglichkeit gemeinsam weiter mit den Unternehmen aufbauen wollen. Es hat noch keinem geschadet, von anderen zu lernen, auch im fortgeschrittenen Alter.

In der Wirtschaft geht es bekanntlich um Angebot und Nachfrage, um Nutzen, Bedürfnisse und Kosten. Wo würden Sie in diesen Zielkoordinaten Ihr Werben um mehr Reservisten aus der Wirtschaft verorten?

Sauer: Wir wollen mit unserer Umfrage (siehe Kasten) die Weiterbildungsbedarfe der Unternehmen abfragen. Nach der Auswertung wollen wir passende berufsbezogene Weiterbildungen anbieten, die nach Möglichkeit sogar zertifiziert sind. Wir wollen der Wirtschaft und den Arbeitnehmern einen echten Mehrwert bieten. Viele Fähigkeiten des Systems Bundeswehr sind den Unternehmen nicht bekannt – noch nicht. Um zwei Beispiele anzuführen: Die Bundeswehr ist nicht nur Deutschlands größter Klinikverbund, sondern auch die Airline Nr. 1. Übrigens bildet die Bundeswehr momentan in rund 250 Berufen aus. Dass staatsbürgerliche Selbstverständlichkeiten im Reservedienst nicht außen vor bleiben, bedarf dabei keiner detaillierten Erläuterung. Und wir sprechen durchaus über eine duale Weiterbildung.

Engel: Die Bundeswehr ist sehr komplex und breit aufgestellt. Wir brauchen Know-how aus allen Branchen – bis hin zum unternehmerischen Organisationstalent. Gerade für Mittelständler im verarbeitenden Gewerbe bietet die Bundeswehr umfassende fachliche Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten an, deren Kosten vollständig übernommen werden. Während der Freistellung werden Gehalt und Krankenversicherung übernommen. Berichtspflichtige Unternehmen können sich ihr Engagement nach Kriterium 18 des Deutschen Nachhaltigkeitskodex im GRI Reporting anrechnen lassen. Für die Reservisten ergeben sich weitergehende Möglichkeiten in der persönlichen Entwicklung und dem Erwerb karriererelevanter Fähigkeiten. 

Ich möchte noch eine weiteres Feld kurz beleuchten: Wo sehen Sie im Zuge
der Überwindung der Coronakrise Potenzial für die Bundeswehr?

Engel: Die Infektionskrise hat verdeutlicht, wie eng die Träger von öffentlicher Verwaltung, Sicherheit und Gesundheitswesen zusammenarbeiten müssen. Dafür braucht es auch gesamtgesellschaftliche, personelle Reserven, um dies nachhaltig gewährleisten zu können. Auch für solche Einsätze benötigt die Bundeswehr deutlich mehr einsetzbare Reservisten, um in einem Krisenfall ausreichend unterstützend tätig werden zu können.

Zurück zum Pilotprojekt: An wen können sich interessierte Unternehmen wenden?

Keimer: Geplant ist, dass das jeweilige zuständige Kreisverbindungskommando diese Aufgabe übernimmt. Noch ist nicht absehbar, ob wir dieser Aufgabe im aktuellen Zuschnitt, mithin nebenberuflich, gewachsen sein werden. Das ist ein Pilotprojekt, und wir stehen am Anfang eines Lernprozesses. Wir wollen die neuen Reservisten nach Möglichkeit da einsetzen, wo sie es wollen und wo es inhaltlich passt. Wichtig: Der Einsatz als Reservist bei der Bundeswehr ist und bleibt freiwillig.

Sauer: Gehen Sie davon aus, dass wir in den vor uns liegenden Monaten klar und strukturiert vorgehen werden. Bis wir die Umfrage zum Ende des Sommers ausgewertet haben, sollten sich interessierte Unternehmen aus Hessen an Dr. Gunther Quidde wenden, Telefon 06181 9290-8111, E-Mail g.quidde@hanau.ihk.de. Der Hauptgeschäftsführer der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern ist in den hessischen IHKs der erste Ansprechpartner rund um alle Sachverhalte zur Bundeswehr.

Weiterbildung und Bundeswehr – Warum diese Online-Umfrage?

Mit Hilfe einer Online-Umfrage will die Pilotgruppe aus Berufssoldaten und wirtschaftserfahrenen Reservisten erkunden, inwieweit die Unternehmen bereit sind, ihren Mitarbeitern eine berufsbezogene Weiterbildung mit Hilfe der Bundeswehr zu ermöglichen. Die beiden Ziele: Mehr Reservisten gewinnen und die Mitarbeiter in den Unternehmen weiter qualifizieren. Es dauert knapp fünf Minuten, den Online-Fragebogen auszufüllen. Alle Antworten werden automatisch anonymisiert.

www.hanau.ihk.de/Umfrage-Bundeswehr

Die Fragen stellte

Dr. Achim Knips,
IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern