Stationäre Apotheken sind wichtiger Teil der medizinischen Versorgung

Beratung zählt mehr als der Preis

Die guten Standortbedingungen haben Reza Azizi 2008 bewogen, die Adler Apotheke am Puiseauxplatz in Rodgau Nieder-Roden zu übernehmen. Bereut hat er es nicht. Aber er beobachtet die Entwicklungen im Stadtteil ebenso wachsam wie die in seiner Branche.

Im Labor stellen Apotheker Azizi und sein Team zum Beispiel Salben auf Rezept her. Hier wiegt seine pharmazeutisch-technische Assistentin Majlinde Sertolli kleinste Mengen eines Inhaltsstoffs ab. Foto: Arens-Dürr/IHK

Der Puiseauxplatz ist ein Dienstleistungszentrum mit Einzelhändlern, Gaststätten, einer Postfiliale und vielen Arztpraxen. Seit 2003 hält die S-Bahn um die Ecke. In der Nähe gibt es Seniorenwohnanlagen. Weitere sind geplant. „Mein Vorgänger hat das Haus 1978 gebaut und die oberen Etagen an Ärzte vermietet. Das ist eine typische Ärztehaus-Apotheke. Wir haben wenig Laufkundschaft, aber viele Stammkunden. Manche kommen seit 30 Jahren“, berichtet Azizi. Derzeit beschäftigt er acht Mitarbeiterinnen, von denen eine seit 1978 zum Team der Adler Apotheke gehört.

Politik ist gefordert

Der gebürtige Perser hat in Jena studiert und sich auf Onkologie spezialisiert. Er sammelte Berufserfahrung in Berlin und Bonn und sah sich schließlich nach einem eigenen Geschäft um. „Drei Apotheken waren in meiner engeren Auswahl. Ich habe mich für diese entschieden. Wichtig waren mir das Potenzial und die Zukunftsfähigkeit. Meine Erwartungen wurden erfüllt“, berichtet er. Dennoch registriert er einige Entwicklungen am Standort mit Sorge: „Der Optiker ist weggezogen. Ein guter Internist, der sich vergrößern wollte, hat keine Praxisräume gefunden und ist gegangen. Es fehlen weitere Fachärzte. Derzeit haben wir hier zum Beispiel weder einen Augen- noch einen Hautarzt und viele Mediziner am Puiseauxplatz nähern sich dem Rentenalter.“ Zeitweise sei ein Fahrdienst für ältere Menschen zu Ärzten in Seligenstadt angeboten worden. Aber das sei keine Lösung, sagt Azizi. Er habe Bürgermeister Jürgen Hoffmann angesprochen und die Ärzte vor Ort zu einem Treffen eingeladen. „Die Infrastruktur hier ist gut, Einwohnerzahl und Kaufkraft sind optimal. Es ist an der Politik, Anreize für jüngere Ärzte zu schaffen“, erklärt er. „Die Stadt könnte zum Beispiel Räume günstiger vergeben. Wenn hier weitere Gebäude für betreutes Wohnen gebaut werden, braucht man eine angemessene medizinische Versorgung.“

Serviceorientiert

Mit seiner Apotheke liefere er einen wichtigen Beitrag dazu: „Gerade ältere Kunden schätzen unseren Lieferservice. Viermal täglich werden wir beliefert, so dass telefonisch oder online Bestelltes zeitnah zum Kunden gebracht werden kann“, versichert er. 2.000 Kundenkarten der Adler Apotheke seien in Umlauf, deren Inhaber ihre Medikamente hätten registrieren lassen. „Diese Kunden können wir besonders unkompliziert zu den Wechselwirkungen zwischen den Präparaten informieren oder wir fertigen ihnen einen Auszug aller Kosten an – für das Finanzamt oder für die Zuzahlungsbefreiung bei der Krankenkasse“, erklärt er. Mit speziellen Angeboten richtet er sich an junge Mütter, an die er Milchpumpen und Babywaagen verleiht. Diabetiker bekommen Unterstützung beim Blutzuckermessen, Sportlern hilft er beim Optimieren ihrer Ernährung. Dank seiner Spezialisierung auf Onkologie sei ihm die Betreuung von Krebskranken ein besonderes Anliegen: „Diese Menschen sind in einer schwierigen Situation. Ich versuche ihnen mit Ernährungstipps zu helfen, erkläre ihnen Entspannungsübungen oder gebe ihnen Zusatzempfehlungen, damit sie die Chemotherapie besser vertragen.“ Regelmäßig hält er darüber hinaus in einem eigenen Seminarraum produktneutrale Vorträge, zum Beispiel zu alternativen Heilmethoden, Diabetes, Abnehmen oder Hautproblemen. Die Anregungen zu den Themen bekomme er von den Kunden.

Unfairer Wettbewerb

„Wir sind auf unsere Stammkunden angewiesen und stimmen unsere Dienstleistungen auf ihre Bedürfnisse ab“, ist für Azizi klar. Weil er damit erfolgreich ist, fürchtet er nicht die Konkurrenz von Versandapotheken. „Wir profilieren uns nicht über den Preis. Wenn man zuverlässige Hilfe sucht, sind die Kosten nicht entscheidend. Wir gewinnen viele Kunden per Mundpropaganda“, erklärt er. Dass er über kurz oder lang auch in den Preiskampf einsteigen muss, schließt er indessen nicht aus. Es sei noch nicht absehbar, wie sich beispielsweise die jüngste Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs auswirkt, die die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente aufhebt. Ausländische Versandapotheken hoffen, davon zu profitieren. „Sie übernehmen aber keine Gemeinwohlpflichten und nicht die hohe Verantwortung, die wir haben“, sagt er. Die „goldenen Zeiten“ für Apotheken seien hierzulande vorbei. Das zeige sich an mehr als 500 jährlichen Schließungen in Deutschland und daran, dass immer weniger Nachwuchs zu finden sei. Für ihn steht fest: „Es ist wichtig, neue Perspektiven zu schaffen. Apotheken dürfen keine Medikamentenabgabestellen werden.“

Weitere Informationen unter:

www.adlerapotheke-rodgau.de.

Autor:

Birgit Arens-Dürr
Telefon (069) 8207-248
E-Mail arens@offenbach.ihk.de