Digitalisierung betrifft alle Berufe

Ausbildung heute für die Arbeit von morgen

Die Digitalisierung verändert Berufsbilder und die Ausbildung in Stadt und Kreis nachdrücklich. „Wir gehen davon aus, dass jeder der mehr als 350 Berufe, die es in Deutschland gibt, betroffen sein wird“, sagt Friedrich Rixecker, der als IHK-Geschäftsführer für den Bereich Aus- und Weiterbildung verantwortlich ist. Die Digitalisierung ermögliche auch neue Lernformen, fügt der Vorstandschef des Heusenstammer Unternehmens Vectorsoft AG, Edwin Heinecke, hinzu.

Die Digitalisierung verändert die Unternehmen und die Anforderungen an die Mitarbeiter. Foto: Gorodenkoff Productions OU – Fotolia.

Die Digitalisierung erfasst immer mehr Teile der Gesellschaft. Inwieweit wirkt sie sich auf die Berufsbilder aus, die von der IHK vertreten werden?

Rixecker: Ganz massiv. Wir gehen davon aus, dass jeder der mehr als 350 Berufe, die es in Deutschland gibt, betroffen sein wird. Deswegen gibt es eine Arbeitsgruppe beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Dort treffen sich Kollegen aus dem ganzen Bundesgebiet. Sie beurteilen die Ausbildungsordnungen. Dabei arbeiten sie heraus, wie betroffen der Beruf von der Digitalisierung ist. Heraus kommt ein sogenannter Digitalisierungs-Index. Er gibt Sozialpartnern wie Ministerien Hinweise, was bei einer Neuordnung zu beachten ist.

Welche Berufe sind besonders betroffen?

Rixecker: Eine weitreichende Novellierung hat gerade bei den Metall- und Elektroberufen stattgefunden. Die Digitalisierung greift schließlich direkt in die Kommunikation von Mensch und Maschine ein. Deshalb hat man alle Metall- und Elektroberufe sowie den Mechatroniker überarbeitet. Themen wie Datensicherheit und Vernetzung von Systemen wurden in die Ausbildungsordnungen aufgenommen. Friseure sind wohl weniger betroffen.

Heinecke: Das kann man so nicht sagen. Die Digitalisierung hängt auch mit der Datenschutz-Grundverordnung zusammen. Auch Friseure müssen darauf achten, welche Daten sie von Kunden speichern.

Edwin Heinecke ist Vorstandschef des Heusenstammer Unternehmens Vectorsoft AG und Vorsitzender des IHK-Expertenrats Bildungspolitik und Fachkräfte. Foto: Linke/IHK

Wie sieht die Vectorsoft AG die Entwicklung?

Heinecke: Wir sind komplett digitalisiert. Bei uns läuft alles über die EDV. Auch haben zumindest wir keine Probleme bei der Gewinnung von künftigen Fachkräften. Allerdings kooperieren wir schon seit vielen Jahren mit Schulen in der Region, weshalb Schüler auf uns zukommen.

Die Ausbildungsordnungen werden neu gefasst.

Rixecker: Die Verordnungen geben den Rahmen für die Ausbildung im Betrieb vor. Sie korrespondieren mit den Rahmenlehrplänen der Berufsschulen. Diese werden miteinander abgestimmt. Es gibt auch einen komplett neuen Beruf: Kaufleute im E-Commerce. Der Einzelhandel hat eine Wahlqualifikation Online-Handel aufgenommen. Auch die IT-Berufe sind neu geordnet worden. Themen wie Datenschutz sind in die Ausbildung aufgenommen worden. Nach und nach wird bei jedem Beruf geprüft, welche Rolle die Digitalisierung spielt.

Wie viele der etwa 350 Berufe sind bisher neu geregelt worden?

Rixecker: Pro Jahr werden 15 bis 20 Berufe überarbeitet. Auch die Sozialpartner, die Ministerien, die Kultusministerkonferenz und jede Menge Experten werden eingebunden.

Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung?

Heinecke: Digitalisierung ermöglicht auch neue Lernformen als Alternative zu den bisherigen. In sogenannten Webinaren bietet die IHK Offenbach am Main beispielsweise die Möglichkeit, an Weiterbildungen online teilzunehmen, ohne den Arbeitsplatz verlassen zu müssen. Es können zudem virtuelle Klassenräume geschaffen werden, in denen Lernende untereinander sowie mit dem Dozenten interagieren.

Die Digitalisierung nimmt auch Einfluss auf die Prüfungen von Auszubildenden. Was ändert sich?

Heinecke: Bei Prüfungen muss bisher jeder Auszubildende anwesend sein. Ein Teil der Prüfungen wird künftig aber auch online stattfinden. Prüfungen wie heute wird es in zehn Jahren nicht mehr geben.

Rixecker: Bei der Weiterbildung gibt es die Kombination zwischen beiden Formen – Präsenz und online – ja schon heute, auch in Offenbach.

Wie arbeitet die Vectorsoft AG bei der Digitalisierung?

Heinecke: Wir verschenken Lizenzen für unsere Produkte.

Verschenken?

Heinecke: Wir geben sie als kostenloses Add-on zu dem Software-Pflegevertrag. So zahlen die Kunden nur das, was sie wirklich nutzen.

Friedrich Rixecker ist Geschäftsführer für den Bereich Aus- und Weiterbildung in der IHK Offenbach am Main. Foto: Linke/IHK

Was bedeutet die Digitalisierung zum Beispiel für einen Handwerker?

Heinecke: Er muss seine Kunden digital verwalten. Angebote laufen ebenso. Und: Das Finanzamt fordert, dass alle Unterlagen digital eingereicht werden.

Rixecker: Für den Handwerker verändert sich viel. Eine Dreh- oder Fräsmaschine ist schließlich computergesteuert. Das Programm muss irgendjemand der Maschine erklären. Die Arbeiten werden anspruchsvoller. Entsprechend muss sich die Ausbildung ändern. In der Ausbildung schreiben die jungen Leute Programme und betreiben die Maschine damit.

Weniger qualifizierte Jugendliche bekommen dann doch keine Lehre mehr?

Rixecker: Deshalb fordern wir, dass Schulen die Kinder fit für das Berufsleben machen. In ihnen müssen andere Grundlagen gelegt werden als vor Jahren.

Kümmern sich die Berufsschulen um die Digitalisierung?

Rixecker: Sie müssen das Thema vermitteln, wenn es in den Rahmenlehrplänen steht.

Sind die Schulen in Offenbach vorbereitet?

Rixecker: Das muss man sehr differenziert nach Berufsbild und Schule betrachten. Und: Die Schulen haben auch ein Fachkräfteproblem. Ihnen fehlen qualifizierte Kollegen aus dem IT-Bereich.

Haben wir ein Defizit in Offenbach?

Rixecker: Es fehlen bundesweit Lehrer in den Naturwissenschaften. Ein massives Defizit gibt es in dem Bereich.

In Offenbach auch?

Rixecker: Ja. Die Studienordnungen, nach denen die Lehrer ausgebildet werden, sind noch nicht angepasst worden. Es gibt Weiterbildungsangebote der hessischen Lehrerakademie. Es handelt sich aber bislang nur um einzelne Module.

Sie werden also nicht von allen Lehrern in Anspruch genommen?

Rixecker: Nein. Freiwillig. Das Thema Medienkompetenz als Teil der fachdidaktischen Module – so heißt das – muss weiter ausgebaut werden. Die IHK ist der Meinung, dass die Module verpflichtend sein sollten. Es gibt also durchaus noch Handlungsbedarf.

Viel Arbeit für Lehrer.

Rixecker: Die Frage ist auch, ob die Wartung von IT durch Lehrer stattfinden muss. Sie sollten sich um den Unterricht kümmern können. Schulen sollten IT-Administratoren einsetzen können. Hat eine Schule aber das Budget dafür? Das ist auch die Frage bei der Weiterbildung.

In dem Bereich reicht das Geld nicht aus?

Rixecker: Nein. Eine Berufsschule in Stadt und Kreis Offenbach hat pro Jahr 2.000 Euro für Weiterbildung. Nicht pro Kopf, sondern insgesamt. Mit dem Geld kann ein Kollegium nicht fit für die Digitalisierung gemacht werden. Das Thema kann nicht auf den Digitalpakt reduziert werden, den der Bund will.

Sind die Schulen technisch auf die Digitalisierung vorbereitet?

Rixecker: Das ist sehr unterschiedlich. Das Haus des Lebenslangen Lernens (HLL) in Dreieich ist komplett neu aufgebaut worden. Dort ist die Technik vorhanden. Bei den Gewerblich-Technischen Schulen (GTS) in Offenbach ist viel passiert. Dennoch ist die Ausstattung nicht so gut wie im HLL. Und: Haben die Schulen überhaupt den Zugang zum schnellen Internet?

Gibt es in dem Bereich Probleme?

Rixecker: Ja. Die Breitbandversorgung in Offenbachs Schulen ist mittelmäßig.

Kommen die jungen Leute denn mit modernen Techniken zurecht?

Rixecker: Überraschend gut. Bei den Metall- und Elektroberufen haben wir beispielsweise bei den Prüfungen Topergebnisse.

Aber kleinere Betriebe haben doch sicherlich Probleme?

Rixecker: Sie gehen Kooperationen mit den großen ein. Unternehmen, die die Techniken nicht vorhalten können, kaufen sich diese Ausbildungsleistungen ein. Alle, die eine eigene Ausbildungswerkstatt haben, bieten Kooperationen an.

Sind die Unternehmen in Stadt und Kreis Offenbach ausreichend auf die Digitalisierung bei den Berufen vorbereitet?

Rixecker: Es gibt welche, die sind ganz vorne, es gibt welche, die sind mittendrin, und es gibt welche, die haben noch nicht realisiert, wie wichtig das Thema für sie ist.

Wird die berufliche Aus- und Weiterbildung gefördert?

Rixecker: Ja. Das ist im Koalitionsvertrag vereinbart worden. Meister-BAföG betrifft alle Weiterbildungsangebote.

Die Fragen stellte Marc Kuhn, Wirtschaftsredakteur der Offenbach Post.