Aufbruch im Mittelstand

Auch unruhige Zeiten bieten Chancen

Globalisierung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Fachkräftemangel und so weiter und so fort – Unternehmen sind mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Dr. Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance, erklärt aus seiner Perspektive als Bildungsforscher, wie der mittelständischen Wirtschaft der Aufbruch gelingen kann.

Professor Dr. Klaus Hurrelmann. Foto: Hertie School of Governance

Wohin bewegt sich der deutsche Mittelstand in diesen unruhigen Zeiten?

Weil ich in diesem Bereich meinen Forschungsschwerpunkt habe, greife ich das Thema des Fachkräftemangels heraus. Hier ist der Fall ganz klar: Der Mittelstand kann in der Konkurrenz mit Unternehmen heute dann punkten, wenn er seinen „menschlichen Faktor“ als Alleinstellungsmerkmal ausspielt. Wenn er also deutlich erlebbar macht, dass man als neu eingestellte Fachkraft nicht in ein riesiges mechanisches Uhrwerk hineingerät, sondern in ein überschaubares Unternehmen mit einem engagierten Team aus interessierten und zugewandten Menschen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die entscheidenden Veränderungen, die derzeit auf die Entwicklung kleiner und mittelständischer Unternehmen Einfluss haben?

Beim Thema Fachkräftemangel sind es die massiven Veränderungen der Ausbildungswege, die für junge Leute heute attraktiv sind. Vermutlich reagiert der Nachwuchs hiermit intuitiv auf die Veränderungen, die er durch Globalisierung und Digitalisierung erspürt. Ein Studium mit analytischer Schulung und Erweiterung der sozialen Perspektive ist aus dieser Einschätzung heraus für die meisten jungen Menschen heute hoch attraktiv. Der Mittelstand muss also überlegen, wie er diesem Wunsch gerecht wird und ihn zum Beispiel durch veränderte Ausbildungswege und eine stärkere Unterstützung des dualen Studiums aufnimmt.

Worauf sollten sich die Geschäftsleitungen besonders konzentrieren?

Sie sollten sich auf die Personalabteilungen konzentrieren, die sich liebevoll und geschickt ganz persönlich um die Anwerbung von Nachwuchstalenten für das Unternehmen bemühen und eine persönliche Begleitung etablieren, wenn jemand erfolgreich an Bord genommen werden konnte. Weil die Angehörigen der jungen Generation mit dem Smartphone groß geworden sind, sind sie besonders aufgeschlossen für digitale Prozesse. Deswegen sollten sie intensiv an allen Vorgängen beteiligt werden, die mit Digitalisierung und mit der weiteren Entfaltung der künstlichen Intelligenz im Betrieb zu tun haben.

Gibt es einzelne Branchen, für die ein Aufbruch wichtiger ist als für andere?

Im Moment sieht es so aus, dass vor allem die Branchen Probleme haben, die ganz unmittelbar spezifische Qualifikationen im digitalen Bereich benötigen. Sie müssen viel in spezielle Ausbildungswege investieren. Daneben sind es Branchen, die ungewöhnliche Arbeitszeiten haben, wie etwa die Gastronomie. Die jungen Leute haben große Sorge, im digitalen Zeitalter durch Dauerbeanspruchung in einen Burnout getrieben zu werden.

Welche Strategien empfehlen Sie für einen erfolgversprechenden Aufbruch?

Ich kann nur empfehlen, sich auf die jetzt dem Arbeitsmarkt entgegenstrebende Generation und ihre spezifischen Mentalitäten bewusst und gezielt einzulassen und keine moralischen Vorurteile zu pflegen. Ganz besondere Aufmerksamkeit sollte auf die jungen Frauen gerichtet werden, denn sie sind teilweise stärker motiviert und durchgehend besser ausgebildet als ihre männlichen Altersgenossen. Gut durchdachte und glaubwürdige Angebote, die es Frauen ermöglichen, eine Familiengründung mit ihrer Berufstätigkeit verbinden zu können, sind hier eine ganz wertvolle Strategie.

Wie lautet Ihre Empfehlung für Unternehmen, die einen Aufbruch fürchten?

Wer den Aufbruch fürchtet, der hat verloren. Jedes Unternehmen sollte deshalb die gegenwärtige Unruhe und Umbruchphase als eine Chance wahrnehmen, sonst kann es schnell ins Straucheln geraten.

Die Fragen stellte Birgit Arens-Dürr.

www.hertie-school.org


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