SPEZIAL: Digitalisierung

Mobiler, sicherer, sauberer? Wie die Digitalisierung den Verkehr der Zukunft revolutioniert

Vom Individualverkehr bis zur internationalen Logistik: Experten rechnen mit weitreichenden Veränderungen auf allen Feldern der Mobilität

Wenn Professor Dr. Heinrich Kagermann in die Zukunft schaut, erwartet er nicht weniger als die völlige Neuerfindung der Mobilität. Die Digitalisierung werde, im Zusammenspiel mit Automatisierung und Elektrifizierung, „das Gesicht des Verkehrs und damit unserer Städte und ländlichen Räume verändern“, so der international anerkannte Experte und Vorsitzender der Nationalen Plattform für Elektromobilität (NPE). kürzlich in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“.

Mit seiner Einschätzung steht Professor Kagermann nicht allein. „Die Mobilität der Zukunft wird digital vernetzt sein“, heißt es in einer Erklärung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Und die Folgen werden überall zu spüren sein: vom innerstädtischen Individualverkehr bis zur weltweiten Logistik auf Straße, Schiene, Wasser und in der Luft.

Im besten Fall profitieren Unternehmen, Industrie und Privatpersonen davon in vielerlei Hinsicht. Beispiel Transport: „Digital gestützte Gütertransporte erlauben effizientere Transportketten mit einer intelligenten Kombination der jeweils optimalen Verkehrsträger“, so die Experten des BDI. Im Schienenverkehr werde es auf diese Weise möglich, einzelne Waggons zielgenau zu orten und gleichzeitig eine technische Prüfung zum Beispiel zum Zustand wichtiger Verschleißteile vorzunehmen. Die Folge: mehr Sicherheit, weniger Kosten.

Oder das Beispiel Individualverkehr. Moderne Pkw verfügen inzwischen wie Computer über eine eigene IP-Adresse. Sie erfassen unterschiedlichste Daten, mit denen der Hersteller individuell zugeschnittene Dienstleistungsangebote machen kann – von der Überwachung des technischen Fahrzeugzustandes bis zur Aktivierung autonomen Fahrens, sofern es die Straßenverhältnisse erlauben. Daimler-Vorstandsmitglied Renata Jungo Brüngger skizzierte jetzt in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die bereits bestehenden Möglichkeiten an einem aktuellen Beispiel: „Wenn Sie in einer A-Klasse mit dem neuen System MBUX sitzen, können Sie mit dem Auto sprechen und es auf Ihre Bedürfnisse einstellen. Es gibt eine Verbindung zum Internet, wenn Sie zum Beispiel unsere Verkehrssysteme nutzen wollen. Sie haben Zugriff auf Ihre Smartphone-Kontakte und können Telefonkonferenzen starten oder Ziele in die Navigation übertragen.“

Auf diese Weise wandeln sich Automobilhersteller nach und nach zu Mobilitätsdienstleistern. „Mobility as a service“, so die englische Bezeichnung, die auch Professor Kagermann verwendet: „Individualisierte Produkt-Service-Bündel werden auf den einzelnen Kunden zugeschnitten bereitgestellt“, so seine Zusammenfassung.

Das wirft natürlich Fragen zum Datenschutz auf. Daimler-Vorständin Jungo Brügger verweist in diesem Zusammenhang zum einen auf die individuelle Entscheidungsfreiheit jedes Einzelnen: Sämtliche Daten würden nur dann übertragen, wenn der Kunde das wolle und entsprechend selbst aktiviere. Zudem würden alle Informationen auf einem externen, hochsicheren Server gespeichert. Zugriffe von Dritten, etwa Werkstätten, könnten jederzeit erteilt und wieder entzogen werden.

Doch die Entwicklung geht noch weiter: Verkehrsexperte Kagermann rechnet damit, dass nicht nur einzelne Fahrzeuge, sondern ganze Verkehrssysteme in Zukunft zunehmend lernfähig werden. Erreicht wird das durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI), die auch vollautomatisiertes Fahren möglich machen wird. Seine Prognose: „Autonomes Fahren wird den Mobilitätsmarkt noch stärker verändern als die Elektromobilität. Der automatisierte Individualverkehr und der öffentliche Verkehr werden sich verbinden.

“Davon profitieren zum Beispiel Pendler: „Flexible Befahrungsgebühren für besonders überlastete Strecken könnten den Verkehr auf Ausweichstrecken umleiten oder auf öffentliche Verkehrsmittel“, heißt es in der Studie „Neue autoMobilität“ der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech).

Autonom fahrende Shuttles, wie sie jetzt schon in einigen Städten getestet werden, könnten in Zukunft zum Normalfall werden, um innerstädtische Ziele zu erreichen. Vorstellbar ist auch die Nutzung als Lieferservice. Professor Kagermann sieht bereits einen „neuen, großen Markt für individuelle und öffentliche Verkehrsangebote“ im Entstehen, die auch Personengruppen wie älteren Menschen mehr Teilhabe und mehr Mobilität ermöglichen könnten.

Damit die Entwicklung zu allseitigem Nutzen vorangetrieben werden kann, müssen Staat und Wirtschaft gleichermaßen ihren Beitrag leisten, so der BDI. Der Verband fordert von der Politik, „geeignete rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen“. Unter optimalen Voraussetzungen scheinen die Chancen der Digitalisierung nahezu unbegrenzt zu sein.